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Kritik: The Happy Prince (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Es war kein schönes Leben, das der irische Schriftsteller Oscar Wilde in den vier Jahren vor seinem Tod Ende 1900 führte. Nach seiner Haftentlassung kehrte er England 1897 für immer den Rücken und lebte unter dem Namen Sebastian Melmoth auf dem europäischen Festland. Diese Tarnung war notwendig, denn der Name Oscar Wilde war nun nicht mehr nur mit seinen Bühnenstücken, sondern auch mit dem Skandal der Homosexualität verbunden. Der britische Schauspieler Rupert Everett, ein großer Bewunderer Oscar Wildes, gibt als Regisseur sein Spielfilmdebüt und stellt den Schriftsteller auch selbst dar. Er schildert ihn als tragische Figur, als Opfer einer repressiven Gesellschaft, das seine Natur und Leidenschaft jedoch nicht verleugnen will. Bis zum Schluss hängt der Blick Wildes, der nie um scherzhafte Bemerkungen verlegen ist, sehnsüchtig an jungen Männern.

Everett schildert Wilde als Lebemann, der überall Aufsehen erregt. Leisetreterei ist nicht sein Stil. In Erinnerungsrückblenden sieht sich Wilde wieder unter dem Applaus des Publikums auf einer Londoner Bühne stehen, als Künstlerstar der englischen Gesellschaft. Aber dann folgen Erinnerungen an seinen tiefen sozialen Sturz und daran, wie ihn seine früheren Bewunderer mit Hass und Spott überzogen. Wilde schreibt nicht mehr, er hat den inneren Halt verloren, die Zuversicht und Inspiration. Er lebt sein Leben, als gäbe es kein Morgen, genießt den Müßiggang mit Alfred in Neapel, stößt damit andere, die mehr an ihm hängen, wie Ehefrau Constanze und den treuen Freund Robbie, vor den Kopf. Hinter dieser flatterhaften Gier verbirgt sich eine große Einsamkeit.

Und diese Einsamkeit ist für den über 40-Jährigen eine doppelte. Wilde rebelliert mit all seiner inneren Kraft gegen die empörende soziale Ächtung der Homosexualität, er scheint davon beseelt, sich nicht in die Knie zwingen zu lassen. Aber jetzt, da seine äußerliche Attraktivität dahin ist, muss er erkennen, dass ihm die jungen Männer ihr Herz nicht mehr ohne weiteres zu Füßen legen. Der Film schildert sehr bewegend, wie Wilde unter dem Verlust seiner Jugend und seines Ansehens leidet. In drastischen Szenen führt das Drama vor, wie schamlos damalige Bürger ihren Zeitgenossen erniedrigen. Die europäische Odyssee dieses traurigen und zugleich so lebenshungrigen Bohemien wird in stimmungsvollen Bildern eingefangen.

Fazit: Der Schauspieler Rupert Everett widmet sich in seinem bewegenden Kinoregiedebüt den letzten Lebensjahren Oscar Wildes im europäischen Exil. Er spielt den einst gefeierten Schriftsteller, der wegen Homosexualität in Ungnade gefallen ist, als tragische Figur, die sich aber voller Leidenschaft und Lebenshunger gegen die Selbstverleugnung stemmt. Die soziale Ächtung und die Entdeckung, dass seine Chancen bei jungen Männern schwinden, setzen ihm zu. Everett gelingt es, aus dem Kontrast von Leid und von geistreichem Humor, um den Wilde bis zuletzt nicht verlegen ist, dramatische Funken zu schlagen.




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