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Shirley: Visions of Reality
Shirley: Visions of Reality
© KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Kritik: Shirley - Der Maler Edward Hopper in 13 Bildern (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Shirley: Visions of Reality" ist ein Experimentalfilm und ein Drama, das zunächst einmal durch seine handwerkliche Brillianz verblüfft. Gustav Deutsch ist es gelungen 13 Gemälde des berühmten Edward Hopper derart genau filmisch nachzuempfinden, dass man den Eindruck erhält, die Bilder selbst wären zum Leben erwacht. Dabei gibt es in jeder Szenerie einen Moment, der ganz genau Hoppers ursprüngliches Bild nachbildet. Die einzelnen Gemälde bilden auch in Gustav Deutschs Film das Geschehen im Jahr ihrer Entstehung ab. Die Abfolge der Bilder entspricht dem chronologischen Handlungsverlauf im Leben von Shirley und Stephen. Bis zu diesem Punkt ist dieses Projekt ein Beispiel rein technischer Virtuosität, die zwar schön anzuschauen, aber banal ist. Doch Gustav Deutsch hat seinem filmischen Experiment nicht umsonst den Untertitel "Visions of Reality" gegeben. Der Zuschauer muss allerdings hoch aufmerksam sein, um wirklich tief in alle Feinheiten und Widersprüche des Werks einzutauchen. "Shirley: Visions of Reality" ist somit ein Film bei dem der Zuschauer selbst stark mitbestimmt, was er aus ihm herauszieht. Auch ein gewisses Vorwissen wird vom Filmemacher vorausgesetzt.

Ein Grundgedanke, der Gustav Deutsch bei diesem Projekt antrieb, war die von ihm empfundene Diskrepanz zwischen dem Werk und der Persönlichkeit des Künstlers Edward Hopper. Wie viele andere verehrt der Österreicher den magischen Realismus der Bilder des amerikanischen Malers. Doch der Mensch Hopper ist Deutsch denkbar fern. Der war stockkonservativ und rechtsgerichtet und ein klarer Antipath. Hoppers Frau Josephine Nivison war ebenfalls eine Malerin. Die beiden hatten sich auf der Kunstakademie kennengelernt, sind jedoch erst viel später zusammengekommen. Josephine war ursprünglich selbst eine so selbstbewusste und emanzipierte Frau wie Shirley im Film. Allerdings nur, bis sie Hopper heiratete. Danach diente sie nur noch ihrem Mann als Muse und Model, während Hopper Josephines eigene Karriere als Künstlerin unterband. Diese völlige Aufopferung für ihren Mann ging so weit, dass Josephine nach Hoppers Tod nur noch dessen Angelegenheiten regelte, den Nachlass dem Whitney Museum schenkte und ein Jahr später Selbstmord beging. "Shirley: Visions of Reality" erzählt die Geschichte einer alternativen Realität, in welcher die weibliche Protagonistin sich bis zum Ende hin treu bleibt und in der sie und ihr Mann sich im Laufe ihres Lebens immer wieder gegenseitig unterstützen.

So ist die erste Ebene der Kollision verschiedener Realitäten die Diskrepanz zwischen den minutiös nachempfundenen Gemälden Hoppers und der mit ihnen von Deutsch erzählten Geschichte, die eine Art von Protest gegen den Menschen Hopper darstellt. Auf einer abstrakteren Ebene entsteht eine Reibung zwischen der Bewegungslosigkeit und der Zeitlosigkeit von Hoppers Bildern auf der einen Seite und ihrer Lebendigmachung durch Gustav Deutsch auf der anderen. Die Gemälde Hoppers sind Ikonen der amerikanischen Kunst, die jenseits ihrer zeitlichen Gebundenheit "das Amerikanische an sich" verkörpern. Jetzt im Film Hoppers Frau Josephine als Shirley zu erleben und ihre Gedanken im Voice-Over mitzuverfolgen, während im Radio die neuesten – und inzwischen bereits zu Geschichte gewordenen – Ereignisse verkündet werden, reißen diese Bilder unverhofft aus ihrer rein künstlerischen Sphäre heraus . Auch wirken die Menschen bei Hopper, obwohl oft mit konkreten Dingen beschäftigt, seltsam eingefroren. Sie erwecken fast den Eindruck eher Abbildungen von Wachsfiguren, als von tatsächlichen Menschen zu sein.

Es ist ein Schock, wenn diese Menschen in Deutschs Film ebenso artifiziell wie in Hoppers Gemälden wirken, sich jedoch zugleich bewegen und sehr konkrete – und dabei oft sehr alltägliche – Anliegen verfolgen. Aber nicht nur das: Während die Darstellung von Josephine bei Hopper über die Jahrzehnte hin unverändert bleibt, entwickelt sich die Darstellung von Shirley im Film analog zur allgemeinen Darstellung von Frauen im Film der jeweiligen Zeit. Während Shirley sich in der ersten in den 30er-Jahren spielenden Szene sehr züchtig mit einem Kleid bekleidet ins Bett legt, läuft sie am Ende des Films vollkommen nackt und rauchend in ihrem Zimmer umher. Hier wird Shirley zu einem Spiegel für die Darstellung der Frau im Film im Wandel der Zeiten. Dieses Spiel mit verschiedenen darstellerischen Repräsentationsebenen verfolgt Gustav Deutsch bis ins kleinste Detail hinein. Die Shirley verkörpernde kanadische Tänzerin, Choreografin und Schauspielerin Stephanie Cumming bewegt sich zumeist so, dass sie eine genaue Balance zwischen Lebendigkeit und Artifizialität bewahrt. Einmal scheißt sie sich jedoch aufs Bett, streift ihre Schuhe ab und zappelt mit den nackten Füßen. In diesem Moment ertönt der Auslöser einer Kamera – wie um zu sagen, dass dieses Bild jetzt nicht mehr wie ein sorgfältig komponiertes Gemälde, sondern wie ein fotografischer Schnappschuss wirkt.

Fazit: Gustav Deutschs experimentelles Drama "Shirley: Visions of Reality" ist ein hoch interessantes künstlerisches Experiment, das faszinierend anzusehen ist. Der Film verlangt jedoch vom Zuschauer eine sehr hohe Konzentration, die über seine Laufzeit von eineinhalb Stunden hinweg nur schwer aufrechtzuerhalten ist.





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