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FBW-Bewertung: Everest (2015)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Der 10. und 11. Mai 1996 gingen als schwarze Tage in die Geschichte der Alpinistik ein. Vier Expeditionen gerieten auf dem höchsten Berg der Erde in einen Sturm. Von den 33 Bergsteigern zahlten acht das Abenteuer mit ihrem Leben. Da auch ein Kamerateam und mehrere Journalisten am Berg waren, ist die Katastrophe gut dokumentiert und löste eine Debatte über die Kommerzialisierung der Everest-Besteigungen aus.
EVEREST verdichtet die Ereignisse zu einem packenden Drama, zu einem Wettlauf mit der Zeit, das filmische Maßstäbe setzt. Der Film nutzt perfekt das gesamte Spektrum der dreidimensionalen Aufnahmemöglichkeiten, um einerseits den Gefühlen der Expeditionsteilnehmer nachzuspüren. Andererseits besticht er durch atemberaubende, räumlich wirkende Panoramaaufnahmen der bizarren Eis- und Gletscherlandschaft.
Inhaltlich definiert EVEREST das Genre des Bergfilms neu, das seit Jahrzehnten heroische Geschichten von der Bezwingung der Höhe, der Selbstüberwindung oder Selbstaufopferung des Einzelnen erzählt. Das macht den Film zu einem würdigen Eröffnungsfilm des Filmfestivals von Venedig.
Der Film beginnt klassisch mit einer kurzen Einführung aller Protagonisten. Und in der Tat verliert Regisseur Kormakur auch keine Figur aus den Augen. Ihre Motivation, die strapaziöse Tour auf sich zu nehmen, ihr Ehrgeiz und ihre Selbstüberschätzung, ihre körperlichen Schwächen werden neben eklatanten Fehlentscheidungen zu Motoren der Handlung, die sich zunehmend auf Expeditionsleiter Rob Hallund einen der Überlebenden, den Amerikaner Beck Weathers, konzentriert.
Hall wird Opfer der eigenen Hybris, die Besteigung des Everest zu kommerzialisieren. Wie die anderen Expeditionsteilnehmer stirbt er einsam und lautlos, der Tod kommt eher beiläufig. Obwohl die Männer in dicke Winterkleidung gehüllt sind, kommt der Zuschauer ihrem stillen Leiden sehr nahe, mit kleinen Gesten machten die brillanten Schauspieler die Gefühle transparent. Ihre Emotionen werden von drei starken Frauenfiguren gespiegelt und verstärkt, allen voran Emily Watsons als energische Assistentin von Hall und warmherzige ?Mutter? der Expedition.
De Kampf umsÜberleben mit den Gewalten der Natur gleitet nie in Kitsch oder Pathos ab, weil der Film die Mühsal und die Strapazen der Besteigung des Everest in den Focus stellt. Der Blick auf den Berg bleibt meist auf den schmalen Ausschnitt beschränkt, der vor dem menschlichen Auge liegt. Selbst als die ersten Expeditionsteilnehmer das Ziel erreicht haben, verkneift sich der Regisseur einen Schwenk über die sicherlich grandiose Bergkulisse.
Der Schauwert des Films ist trotzdem hoch. In den Draufsichten auf das Meer der mit Schnee und Eis bedeckten Riesen wirkt der Mensch klein und verloren. Durch dieses visuelle Konzept kommentiert der Film nicht nur den Wahnsinn, die Besteigung des Everest zu einem Tourismus-Highlight gut betuchter Menschen aus der westlichen Welt zu machen, die die Enthusiasten in den Hintergrund drängen. Er wird auch zu einer Allegorie auf die Vermessenheit des Menschen, die Natur bezwingen und kontrollieren zu wollen.



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