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Paulette - Plakat
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© Neue Visionen

Kritik: Paulette (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wenngleich die Grundidee von "Paulette" an den britischen Spielfilm "Grasgeflüster" (2000) und die US-Fernsehserie "Weeds – Kleine Deals unter Nachbarn" (2005-2012) erinnert, beweist die von Jérôme Enrico inszenierte Krimikomödie ein erfreuliches Maß an Originalität. Mit selbstverständlich erscheinender Leichtigkeit werden ernste Themen wie Altersarmut, Drogenhandel und die französische Vorstadtproblematik in einen schwarzhumorig-abgedrehten Plot eingeflochten, der mit immer neuen Turbulenzen für kurzweilige Unterhaltung sorgt.

Ohne das schwungvolle und erfrischende Spiel Bernadette Lafonts, die bereits zu Zeiten der Nouvelle Vague Berühmtheit erlangte, würde der Film jedoch nur halb so gut funktionieren. Ihrer Darbietung ist es zu verdanken, dass Paulette, ungeachtet all der aberwitzigen Situationen, in die sie sich begibt, zu keinem Zeitpunkt unglaubwürdig erscheint. Die hartherzige, rassistische und frustrierte Rentnerin nimmt man Lafont ebenso ab wie die von neuem Eifer gepackte Drogenhändlerin. Gerade zu Beginn gelingt es der Hauptdarstellerin, auch dank des ausbalancierten Drehbuchs, die abgründigen Seiten ihrer Figur hervorzukehren, ohne dabei gleich alle Sympathien zu verspielen. Egal, wie ausfallend Paulette sich äußert oder verhält, ein Funken Verständnis für die Frustration über ihre Lebenssituation ist stets gegeben.

Komische Szenen hat der Film nicht erst mit dem Eintauchen der Rentnerin ins Drogenmilieu zu bieten. Schon die Eröffnung legt den leichtfüßigen, aber gewollt-provokanten Ton der Geschichte fest: Paulette ist hier in einem Beichtstuhl zu sehen und beschwert sich über die in ihren Augen nichtsnutzigen Ausländer. Ein Schwenk gibt schließlich den Blick auf einen schwarzen Priester frei, der den Schimpftiraden der alten Frau zunächst lauscht und ihr dann ins Gewissen zu reden versucht. Paulette antwortet mit einem von Herzen kommenden, aber unerhörten Kompliment: "Sie hätten es verdient gehabt, weiß zu sein!" Ähnlich bissig sind auch viele andere Szenen gestaltet, in denen die Hauptfigur ihre Ressentiments offen zum Ausdruck bringt. Einen Großteil ihres Humors bezieht die Komödie durch den Kontrast zwischen Paulettes äußerem Erscheinungsbild und der kriminellen Welt, in die sie mehr und mehr eindringt. So ist es immer wieder amüsant, die alte, zumeist Kopftuch tragende Dame zwischen den finsteren und hartgesottenen Dealern oder bei einem ihrer erfolgreichen Verkaufsgespräche zu beobachten.

Eine wunderbare Wendung bekommt der Film, als Paulette von einigen jugendlichen Zwischenhändlern bedroht wird und kurzerhand beschließt, ihre neue Tätigkeit mit ihren alten Backfertigkeiten zu verbinden: Der Verkauf von Haschkeksen etabliert nicht nur eine neue Stufe in ihrem effektiven Geschäftstreiben, sondern markiert auch den endgültigen Umschwung ihrer Haltung. Stück für Stück findet Paulette die Herzlichkeit wieder, die ihr seit dem Verlust ihrer Konditorei und dem Tod ihres Mannes abhandengekommen zu sein scheint. Bezeichnenderweise ist es ihr anfangs ungeliebtes Enkelkind, das die Rentnerin auf die Idee bringt, Haschisch in Keksen zu verarbeiten.

Ein wenig unausgegoren wirkt lediglich das Ende des Films. Hier geben Jérôme Enrico und seine Co-Autoren den dynamischen, aber gradlinigen Handlungsverlauf für einige hektische Wendungen auf, die nicht vollends überzeugen können und auf ein sehr affirmatives, wenngleich politisch unkorrektes, Schlussbild hinauslaufen.

Fazit: Jérôme Enrico ist mit "Paulette" eine äußerst witzige Krimikomödie gelungen, die gegen Ende ein wenig überhastet erscheint, mit ihrem unmoralischen Charme und einer bemerkenswert agierenden Hauptdarstellerin jedoch zu bestechen weiß.




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