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Die Räuber
Die Räuber
© farbfilm verleih

Kritik: Die Räuber (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Die Idee, Friedrich Schillers Schauspiel in die Gegenwart zu versetzen und in der internationalen Finanzwelt anzusiedeln, ist nicht die schlechteste. Was beim schwäbischen Dichter die blaublütige Familie um den alten Grafen Maximilian Moor war, ist bei den Regisseuren Frank Hoffmann und Pol Cruchten der Geldadel. Kenner des Originals sind jedoch bereits im Untertitel gewarnt: "sehr frei nach Schiller" ist dort zu lesen. Und so kommt es dann auch. Vom Sturm-und-Drang-Stück bleibt in der Adaption nicht viel übrig. Den Machern schwebte ein düsterer Film noir um Rache, Ehre und Freiheit vor. Warum die Drehbuchautoren dafür die Figurenkonstellation der Vorlage verändert, aus Karls Braut Amalia dessen Schwester gemacht haben, bleibt das erste große Rätsel. Als Familienmitglied funktioniert Amalias Figur nur bedingt als Femme fatale.

Doch diese Transformationen sind nicht das Problem. Auch mangelt es den Regisseuren nicht an Stilwillen. "Die Räuber" ist hervorragend ausgeleuchtet und fotografiert. Wenn Isild Le Besco in ihrem roten Abendkleid gleich zu Beginn des Films durch die Räume wandelt und die agile Kamera hinter ihr herschwebt, kann sich das auf der großen Leinwand sehen lassen. Auch in der Wahl der Einstellungsgrößen und in der Art, wie sie die Figuren darin positionieren, durch Türen rahmen oder in Spiegeln ins Unendliche vervielfachen, heben sich die Regisseure klar von einer Theaterinszenierung oder von Fernsehformaten ab.

Was jedoch vollkommen misslingt, sind Schauspiel, Dialoge und so mancher Handlungsstrang. Zu oft wirken die Ganoven, als seien sie der Bronx in den 1980ern entsprungen und nicht der kleinen Finanzmetropole im Herzen Europas. Die Polizisten im Ländchen, wie die Luxemburger ihren beschaulichen Staat liebevoll nennen, schießen ohne Vorwarnung. Die Räuber stürmen mit vorgehaltener Waffe ein Privathaus, um zwei wehrlose Frauen zu entführen, als hätten sie zu viele Hollywoodfilme gesehen. Das wirkt alles aufgesetzt und dadurch unfreiwillig komisch. Wie sich auch Maximilian Schell seltsam fremd anfühlt in diesem Drama.

Es ist Schells letzte große Rolle vor seinem Tod und der Zuschauer merkt es dem Schauspieler an. Von seinen überzeugenden Leistungen ist der Mime, der für seine Rolle in "Das Urteil von Nürnberg" (1961) einen Oscar erhielt, schon lange sehr weit entfernt. In "Die Räuber" erreicht er seinen Tiefpunkt. Denn während die anderen Darsteller zumindest begriffen haben, dass es hier um einen Film geht, rezitiert Schell seinen Text wie auf der Theaterbühne. Das Drehbuch tut hier keinem einen Gefallen, changiert es doch zwischen Originaldialogen aus der Vorlage und Zeilen, die so cool wie amerikanische Gangsterfilme sein wollen, jedoch so plump und platt wie deutsche Seifenopern klingen. Das führt zu einem selten gesehenen, gar seltsamem Schauspiel und provoziert immer wieder Lacher, wo eigentlich Dramatisches vor sich geht.

Regisseur Frank Hoffmann hat in einem Interview gesagt, dass er seinen Darstellern ein "sehr expressives Schauspiel, weit entfernt von jedem Ausdruck von Realismus" abverlangt habe. Zumindest das ist ihm gelungen. Nur geht das Zusammenspiel beileibe nicht auf.

Fazit: Visuell überzeugende, inhaltlich wie darstellerisch jedoch völlig misslungene Neuinterpretation des Schillerschen Schauspiels. "Die Räuber" ist mehr trashige Seifenoper denn bewegendes Familiendrama. Leider ist das alles nicht gewollt, sondern bierernst und dadurch unfreiwillig komisch. Im Grunde nur einen Stern wert, gibt es für die gelungene technische Umsetzung einen Gnadenstern zusätzlich.




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