VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Tore tanzt
Tore tanzt
© Rapid Eye Movies

Kritik: Tore tanzt (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Tore tanzt" ist der erste Spielfilm von Katrin Gebbe, einer Absolventin der renommierten Hamburg Media School. Der Film war der einzige deutsche Beitrag, der in diesem Jahr im Wettbewerb von Cannes lief. Der Film rief tief gespaltene Reaktionen beim Publikum hervor, von tosendem Applaus bis zu tiefstem Entsetzten. Dies hielt einen US-Verleih jedoch nicht davon ab, den Film für eine Auswertung in den Vereinigten Staaten einzukaufen. "Tore tanzt" gehört hinsichtlich seiner Radikalität zu denjenigen deutschen Kino-Filmen in diesem Jahr, die sicher am schwersten zu Verdauen sind – und konsequent die Geduld und das Durchhaltevermögen des Zuschauers einfordern. Ein starkes Drehbuch ohne große Schwächen und ein brillanter Cast tragen den Film über weite Strecken, der den Zuschauer am Ende ratlos zurücklässt.

"Tore tanzt" ist ein kompromissloses, radikales Drama, das sicher nicht für jeden Zuschauer gleichermaßen zu empfehlen ist. So eignet sich der Film wohl am ehesten noch für Freunde von einigen Werken des österreichischen Regisseurs Michael Haneke ("Funny Games"), der für seine provozierenden Gewaltdarstellungen bekannt ist. Ähnliche sadistische Gewalt muss der Zuschauer auch beim Betrachten von "Tore tanzt" nun aushalten. Im Mittelpunkt des Films steht der strenggläubige Tore, der dem Glauben alles im Leben unterordnet. Er lebt keusch und streng nach der Bibel. Als Zuschauer ist man Anfangs zunächst ebenso fasziniert von dem Jungen wie die Familie, die ihn nach der Hilfe bei der Autopanne zu sich in die idyllische Gartenlaube einlädt. Tores Verhalten und Strenggläubigkeit provozieren jedoch auch und es dauert nicht lange, bis das Grauen zum Vorschein tritt. Dabei beginnt der Sadismus von Familienoberhaupt Benno eher beiläufig mit einem harmlos wirkenden Boxschlag.

Was daraufhin jedoch folgt, ist schockierend und nur schwer zu ertragen. Immer neue Gemeinheiten und Brutalitäten lässt sich Benno einfallen, um den Willen und das Durchhaltevermögen von Tore zu brechen. Und Tore? Der sieht sich als Sohn Gottes höchstpersönlich, der auserkoren wurde, das finstere Tal des Verderbens und Schreckens zu durchschreiten. Alles beginnt mit einem Boxschlag, steigert sich dann über eine Misshandlung im Stricherclub hin zur finalen Gewaltorgie. Julius Feldmaier spielt den klaglosen Religions-Fanatiker famos, ebenso authentisch, mitreißend und ohne überzogenes Pathos agiert Sascha Alexander Gersak als Familienvater Benno. Ein Mann, der seine Aggressionen nur zu Beginn des Films unter Kontrolle hat. Das Problem ist, dass man sich als Betrachter des Geschehens etwa die plötzlich einsetzende Gewalt und die spontanen Aggressionen von Benno zu schwer erklären und herleiten kann. Fühlt sich Benno tatsächlich nur von der Bibeltreue und der Opferrolle, in die sich Tore freiwillig begibt, provoziert? Genügt das? Die zweite Frage, die sich unweigerlich aufdrängt: Woher kommt Tores unglaubliche Passivität, wieso in alles in der Welt lässt er sich aus freien Stücken und klaglos derart peinigen und erniedrigen? Woher rührt überhaupt die tiefe Verwurzelung im Glauben? Hier fehlt es dem Film an psychologischer und emotionaler Tiefe, die man als Erklärung für die außergewöhnlichen Verhaltensweisen und – muster heranziehen könnte.

Fazit: "Tore tanzt" ist ein provozierendes, herausragend gespieltes Drama, das in all seiner radikalen Härte und Kompromisslosigkeit auf einige Zuschauer zutiefst verstörend wirken könnte.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.