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Hasta la vista - Hauptplakat
Hasta la vista - Hauptplakat
© Ascot

Kritik: Hasta la vista (2011)


Filme über Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Behinderungen gibt es nicht erst seit dem französischen Kino-Hit "Ziemlich beste Freunde" von 2011, der sich zu einem weltweiten Publikumsrenner entwickelte. Bereits Mitte der 70er-Jahre befasste sich der für das deutsche Fernsehen produzierte Mehrteiler "Unser Walter" mit dem Leben eines unter dem Down-Syndrom leidenden Kindes. 1989 schlüpfte Daniel Day-Lewis in dem irisch-britischen Drama "Mein linker Fuß" in die Rolle eines spastisch gelähmten Mannes, der lernt, mit seinem linken Fuß zu schreiben und zu malen. Fünf Jahre später gewann Tom Hanks für seine Darstellung des liebenswerten, geistig zurückgebliebenen Forrest Gump einen Oscar als bester Hauptdarsteller. "I am Sam" (2001) mit Sean Penn, das deutsche Roadmovie "Erbsen auf Halb 6" (2004) und "Schmetterling und Taucherglocke" (2007) über einen französischen Journalisten, der nach einem Schlaganfall nur noch sein linkes Augenlid bewegen kann, sind weitere Beispiele für gelungene Filme, in deren Mittelpunkt behinderte Menschen stehen. All diese Werke zeichnen sich durch eine ausgewogene Mischung aus heiteren und bewegenden Momenten aus. Sie konfrontieren den Zuschauer zwar unmittelbar und direkt mit dem Leid ihrer Protagonisten, jedoch auf eine unsentimentale Art und Weise und ohne Kitsch und Pathos.

In die Riege dieser melancholischen, mit lakonischem Witz ausgestatteten Tragikomödien reiht sich nun auch der belgische Film "Hasta la Vista" von Regisseur Geoffry Enthoven ein. In dem Film begeben sich drei behinderte bzw. schwer kranke Männer auf einen außergewöhnlichen Trip nach Spanien, um den ersten Sex zu erleben. Enthoven gelingt hier die Kunst, einen warmherzigen, unterhaltsamen Gute-Laune-Film zu kreieren, ohne die ernsten, tragischen Töne zu missachten oder sich verächtlich über die Behinderungen zu äußern. "Hasta la vista" wurde 2011 auf dem Montreal World Film Festival mit drei Preisen ausgezeichnet.

Die drei Freunde Lars (Gilles De Schrijver), Philip (Robrecht Vanden Thoren) und Josef (Tom Audenaert) sind bereits in ihren Zwanzigern, hatten jedoch noch nie Sex. Um diesen Zustand so schnell wie möglich zu ändern, planen sie einen Trip nach Spanien. Doch die Reise in die Tat umzusetzen, ist alles andere als einfach. Lars sitzt im Rollstuhl, Phillip ist vom Hals abwärts gelähmt und Josef ist fast komplett blind. Dennoch sind die Drei fest entschlossen, die Reise zu machen, auch wenn ihre Eltern aus Sorge zunächst strickt dagegen sind. Und somit begeben sie sich kurzerhand auf eigene Faust nach Spanien. Mit der humorvollen Fahrerin Claude (Isabelle de Hertogh) verlassen sie ihre Heimat und fahren an die spanische Küste, um endlich ihr großes Ziel zu erreichen: den ersten Sex in einem behindertengerecht eingerichteten Bordell.

"Hasta la vista" lebt von seinem heiteren, lebensbejahenden Grundton und seinen erstklassigen Hauptdarstellern. Die drei Jungschauspieler Gilles De Schrijver, Robrecht Vanden Thoren und Tom Audenaert verleihen ihren Figuren Charisma und Charme. Lars, Philip und Josef sind liebenswerte, sympathische Zeitgenossen, die ihren oft schwierigen Alltag mit Bravour meistern. Die drei Schauspieler finden für ihre Darstellung dabei genau den richtigen Mix aus Trauer, Verzweiflung (etwa, wenn sich der Gesundheitszustand von Lars stetig verschlechtert) und stimmungsvoller Lebenslust (wenn sich die Freunde nach allerlei Ärger und Vorbereitungsstress doch noch in einem klapprigen Bus auf den Weg nach Spanien machen können). Da ist der emotionale Lars, der sich gedanklich mit dem baldigen Tod befassen muss, der temperamentvolle Philip, der als heimlicher Anführer des Trios immer einen Spruch parat hat und schließlich der stets fröhliche Josef, als abgeklärter, ruhender Pol und Ältester der drei Freunde. Zusammen bilden sie ein perfekt harmonierendes Gespann, das für etliche echte Lacher sorgt und sich schwarzhumorig und voller Ironie stets gegenseitig auf die Schippe nimmt. Herrlich komisch gestaltet sich auch der Auftritt der robusten, nüchternen Claude (großartig: Isabelle de Hertogh), die die Freunde auf ihrer Reise nach Spanien begleitet und als Pflegerin fungiert. Das Trio hatte fest mit einer männlichen Begleitung für die Reise gerechnet, umso größer ist das Erstaunen, als plötzlich die toughe Claude vor ihnen steht ("Es ist eine Frau. Sollen wir mit einer Frau in den Puff fahren?").

"Hasta la vista" überzeugt neben seinen Darstellern vor allem mit eben jenem ironischen Witz, der aber stets würdevoll und nie zynisch daherkommt. Als Zuschauer lacht man auf hohem Niveau, nie werden die Protagonisten oder ihre gesundheitlichen Einschränkungen der Lächerlichkeit preisgegeben. Neben all dem Witz und dem treffsicheren, trockenen Humor, zeigt Enthoven aber immer wieder auch auf, was es heißt, mit derartigen Behinderungen zu leben und auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Hier wird "Hasta la Vista" ruhiger und nachdenklicher, ohne jedoch auf die Tränendrüse zu drücken. Das Trio ist abhängig von ihrer Begleiterin Claude, die im Film – zunächst – als eigenwilliger Gegenpol (resolut und frei von jeglichem Humor) zu den Freunden erscheint, im Laufe der Handlung aber ihre gefühlvolle Seite zeigen darf. Es ist vor allem die Begegnung von den drei Freunden mit Claude – ein Aufeinandertreffen zweier völlig verschiedener Welten – die für wunderbar skurrile und komische Szenen sorgt.

Auf warmherzige, unterhaltsame Art erzählt "Hasta la Vista" von einer waghalsigen Reise eines außergewöhnlichen Trios. Gespickt mit ironischem Wortwitz und feinsinnigem Humor, stimmt der Film auch nachdenkliche, melancholische Töne an.





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