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Dieses schöne Scheißleben
Dieses schöne Scheißleben
© Senator Film

Kritik: Dieses schöne Scheißleben (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm von Doris Dörrie ist mehr als nur ein Porträt von Frauen, die sich als Außenseiterinnen in der Welt der Mariachi-Musik bewegen. Er ermöglicht gleichzeitig auch einen erfrischend lebendigen Einblick in mexikanisches Brauchtum. Die kraftvollen Lieder mit ihren zwischen Freude und Leid oszillierenden Texten, die María del Carmen und ihre Kolleginnen vortragen, scheinen direkt aus den Tiefen der mexikanischen Seele zu kommen. Mit dieser kulturellen Echtheit und Ausdruckskraft hebt sich die Musik der Mariachis von anderen Genres ab.
Die Vollblutmusikerin María del Carmen erzählt, dass den männlichen Mariachis der Unterschied zwischen einer Sängerin und einer Hure nicht immer klar ist. Eine Frau, die sich als Künstlerin in der Öffentlichkeit bewegt, anstatt sich zuhause um die Kinder zu kümmern, wirkt auf die eingefleischten Machos wie eine Kampfansage. Aber María del Carmen ist, wie ihre Kolleginnen aus anderen Gruppen auch, mit dieser Musik aufgewachsen. Entsprechend selbstbewusst und ausdrucksstark kann sie ihre Lieder hinausschmettern, die so oft von vergeblicher Liebesmüh, von der Sucht nach "diesem schönen Scheißleben", wie eine Textzeile lautet, erzählen. Der Film zeigt die Sängerin im Alltag mit ihrer Tochter und ihrer Mutter und folgt ihr, wenn sie zur Arbeit geht. Dabei wird der Spagat sichtbar, den sie wie alle weiblichen Mariachis zwischen einem geordneten Privatleben und den wenig familienkompatiblen Auftrittszeiten bewältigen muss. Die Not und die Entbehrung, von der die Lieder oft erzählen, das zähe Durchhalten kennen die Künstlerinnen oft auch aus persönlicher Erfahrung. Im Gegenzug aber schöpfen sie Kraft aus den emotionalen Melodien.
Von der konkreten Performance ausgehend legt der Film sowohl die Faszination frei, die von der Mariachi-Musik allgemein ausgeht, als auch ihre Bedrängnis als Kunstform in einer Zeit, in der Lieder überall auf Knopfdruck verfügbar sind. Die Aufnahmen legen mit leichter Nostalgie den Schluss nahe, dass es für den Live-Auftritt keinen Ersatz gibt. Am deutlichsten wird das, wenn Mariachis auf dem Friedhof für eine um ein Kind trauernde Familie spielen. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt und menschliche Anteilnahme. Wenn sich der Film im letzten Abschnitt vor allem mit dem mehrtägigen Totenfest zu Allerheiligen beschäftigt, wagt er sich noch eine Stufe tiefer in die mexikanische Kultur vor. Indem die Menschen ihre Sterblichkeit nicht ausblenden, spüren sie die Paradoxie des Lebens besonders intensiv. Diese drückt sich auch in der Mariachi-Musik aus. Doris Dörrie ist ein schöner, emotionaler und aussagekräftiger Dokumentarfilm gelungen.

Fazit: Doris Dörries schöner Dokumentarfilm über mexikanische Mariachi-Musikerinnen verschafft dem Publikum einen lebendigen, klischeefreien Einblick in diese traditionelle Kunstform und legt ihre philosophischen Wurzeln frei.




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