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Kritik: Amour fou (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Amour fou" ist der neue Film der österreichischen Regisseurin und Autorin Jessica Hausner, der im letzten Jahr die Wiener Filmfestspiele "Viennale" eröffnete. "Amour fou" beruht weitestgehend auf wahren Begebenheiten, für den Film durchforstete Hausner so ziemlich alles, was an den Tagebüchern, Fachpublikationen und Artikeln über die letzten beiden Lebensjahre des Erzählers von Kleist existiert. Von Kleist gehört zu den größten deutschen Publizisten und Dramatikern des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, dessen Werke wie z.B. "Michael Kohlhaas" oder "Der zerbrochene Krug" seit Jahrzehnten zur Standardliteratur an deutschen Schulen zählen. Obwohl das Ende des Films freilich zu Beginn schon feststeht, gelingt es Hausner, ein authentisches, realistisches Porträt jener Zeit zu kreieren und erschafft ein intensiv gespieltes, dialogreiches Drama über die Liebe, den Tod und über das, woran von Kleist schließlich zerbrach: das Leben an sich.

Einen großen Reiz des Films macht die authentische, glaubwürdige Präsentation der damaligen Zeit zwischen Weimarer Klassik und Romantik aus, die sich nicht nur in den prächtigen Kulissen und den prunkvollen Kostümen zeigt, sondern allen voran in der Art und Weise, wie die Personen des Films miteinander kommunizieren. Ihre Sätze und Äußerungen sind nicht selten bedeutungsschwanger sowie extrem schwülstig und pathetisch, aber hier orientierte sich Regisseurin an damals vorherrschenden Sprachgepflogenheiten, die an der Tagesordnung waren. Als Beleg dienten Hausner die vielen Tagebucheinträge, die über die damalige Zeit vorliegen. Zuschauer, die bereits Schwierigkeiten mit der überladenen, hochgestochen Sprache z.B. in Filmen wie "Romeo und Julia" (1996) hatten, werden daher evtl. ihre Probleme mit dem Film haben.

Einen weiteren Reiz von "Amour fou" macht die Tatsache aus, dass der Film zu keiner Sekunde langweilig oder langatmig geraten ist, obwohl das Ende und unrühmliche Ableben von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist natürlich schon zu Beginn des Films feststehen. Dass von Kleist und Vogel am heutigen Wannsee in Berlin am Ende in den Freitod gehen werden, wird vielen Zuschauern bewusst sein, dennoch fesselt der Film mit seinen vielen, kunstvollen Dialogen über den Sinn des Lebens sowie über die Liebe und die Bedeutung des Lebens im Allgemeinen und den überzeugenden Darsteller-Leistungen. Allen voran Christian Friedel als am Leben zweifelnder, geplagter und melancholischer Künstler beeindruckt durch sein zurückgenommenes aber dennoch eindrückliches Spiel. Ein wenig anstrengend sind lediglich die unzähligen Liederabende der Protagonisten, in deren Rahmen alle Anwesenden den immer gleichen Liedern lauschen, und die Hunde im Film, die fast häufiger im Bild zu sehen sind, als die entscheidenden Figuren.

Fazit: Faszinierendes, stark gespieltes Sittengemälde einer längst vergangenen Zeit, das ein realistisches Bild des Lebens der damaligen Oberschicht und der vorherrschenden Ständegesellschaft präsentiert.






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