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Nobody Wants the Night - Juliette Binoche
Nobody Wants the Night - Juliette Binoche
© Leandro Betancor

Kritik: Nobody Wants the Night (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Das Faszinosum des Untergangs der "Titanic" liegt nicht allein in dem Untergang eines großen Schiffes begründet, sondern in dem Untergang eines Schiffes mit Ballsälen, Swimming Pool und Marmor. Die Hybris des Menschen, der glaubt, die Naturgewalten zu bezähmen, wenn er ihnen nur mit genügend Luxus, Annehmlichkeiten und Technik kommt, scheiterte hier in besonders grandiosem Stil.

Vier Jahre zuvor, wenn man dieser auf Englisch gedrehten spanischen Produktion Glauben schenken darf, im Jahr 1908 verfiel bereits Josephine Peary (Juliette Binoche), die Frau des Arktis-Forschers Robert Peary, dem Irrglauben, die Elemente seien bezähmbar, wenn man nur möglichst viele Annehmlichkeiten der Park Avenue aus New York mit ins grönländische Eis nehme. Also dreht sich die Nadel eines Grammophons im Zelt, während draußen der Schneewind pfeifft; nimmt die stolze Dame ihr Essen am Holztischchen mit Silberbesteck ein - gewandet, als würde sie daheim einen Empfang für die Upper Class geben.

Aber Josephine Peary ist nicht die "Titanic" - und das Problem dieses Dramas liegt schon in der Ausgangslage, zeigt sich bereits in den ersten Minuten des Films. Die Männer in dem kleinen Dorf am Rande Grönlands, die ihr heftig abraten, ihrem Mann nachzureisen, der irgendwo im endlosen weißen Nichts der fixen Idee hinterherjagt, den Nordpol zu finden, können nicht verstehen, warum sie nun nach so vielen Jahren der Trennung auf einmal nicht noch ein paar Monate auf seine Rückkehr warten kann. Und auch der Zuschauer hat so seine Probleme mit dieser Motivation. Denn selbst wenn sie begründet sein mag in einem verzehrenden Gefühl, jetzt bei seinem Liebsten sein zu müssen, kommt Josephine nur als eigensüchtiges Persönchen rüber. Das mag gewollt sein, aber der Zuschauer fiebert nur distanziert mit. Wie viele Innuit werden auf der Reise wegen der Starrköpfigkeit der Dame erfrieren oder ertrinken?

Denn natürlich verschlingen Schnee und Eis bald alle Besitztümer, verlieren sich im Weiß, das kein Ende und keinen Anfang hat, die Gewissheiten und die Hybris, dass schieres Wollen oder Disziplin jedes Ziel erreichen lassen. Josephine hatte bereits im Dorf der Innuit Probleme mit der Natürlichkeit der Frauen, die ohne Kleidung nackt ums Feuer saßen - da nimmt es wenig Wunder, dass die Wucht der Natur sie schnell einholt und auf den Boden der Tatsachen bringt. Und dieser Boden besteht aus Ungewissheit, Angst und Wahnsinn. Der Kollege, den ihr Mann rücksichtslos zurückließ, als er das Ziel der Expedition behinderte, redet wirr. Und es gibt auch Hinweise, dass ihr Mann im starren Verfolgen seines Ziels dem Wahnsinn anheim gefallen sein könnte.

Regisseurin Isabel Coixet hat die Geschichte technisch überzeugend in Szene gesetzt. Obwohl das Meiste im bulgarischen Studio oder gar im Juni auf Teneriffa entstand und nur zehn Tage in Norwegen gedreht wurden, friert man als Zuschauer in den Schneestürmen mit, heult der Wind, treiben die Flocken, knackt das Eis. Auch die Maskenbildner haben hervorragende Arbeit geleistet - bleich und wächsern wirkt bald das Gesicht der Hauptdarstellerin, wirr ihre Haare (die ihr dann auch noch ausfallen).

Aber Coixet scheint ihren Bildern nicht alleine vertrauen zu wollen und so binden sie und Drehbuchautor Miguel Barros wirklich jede ihrer Botschaften und Intentionen dem Zuschauer nochmal extra auf die Nase. Das fängt bei einer Erzählerstimme an, die ab und an Hintergrundinformationen liefert, die man sich durch das Gezeigte auch durchaus selbst erschließen könnte. Vielleicht hat Coixet mal "Little Children" von 2006 gesehen, in dem der Erzähler mit ironisch-sachlicher Art das Gezeigte nochmals erweiternd kommentiert. Sollte dies die Messlatte sein, ist die Filmemacherin allerdings gescheitert.

Zumal auch in den Dialogen alles bis auf den letzten Buchstaben verbalisiert wird. Wenn Gabriel Byrne als ihr Führer sie darauf hinweist, dass "wir hier Eindringlinge sind" und "hier draußen nichts als Angst" sei oder die Inuit-Frau Allaka, die von der Japanerin Rinko Kikuchi aus "Pacific Rim" verkörpert wird, deklamiert, dass die Inuit Menschen lieben, die Weißen dagegen Sachen - alles muss buchstäblich noch mal gesagt werden. Das nervt bis zur Ärgerlichkeit. Und die Darstellung der Inuit als "großes Kind, das die Wahrheit spricht", ist ebenfalls debattierbar. Mache empfinden sie vielleicht als eher debil gezeichnet. Insofern ironisch, nachdem Byrne zu Beginn des Films ausgesprochen hatte, dass die Weißen die Inuit nicht ausreichend als Individuen, die ihren eigenen Stolz haben, wahrnehmen.

Enttäuschend konventionell Streicher-verkleisternd die Musik von Lucas Vidal, der sicherlich viele Hollywood-Komponisten verinnerlicht hat. Aber gerade diesem Film hätte ein Score, der ein bisschen gegen den Strich à la Johnny Greenwood in "There Will Be Blood" bürstet, sicherlich auch gut getan.

Es ist nicht davon auszugehen, dass eine Berlinale-Jury unter Vorsitz von ausgerechnet Darren Aronofsky diesem letztlich sehr braven und phantasielosen Streifen einen Bären antragen wird.




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