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Kritik: The Riot Club (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Großbritannien und seine Gesellschaftsstruktur scheinen es der dänischen Filmemacherin Lone Scherfig angetan zu haben. Auf ihre letzten Werke "An Education" und "Zwei an einem Tag", die sich bereits mit britischen Themen und Figuren befassten, folgt nun die Adaption des provokanten Theaterstücks "Posh", in dem die Autorin Laura Wade die Dekadenz und den Klüngel der britischen Oberschicht seziert. Im Zentrum dieser bitterbösen Abrechnung steht eine elitäre Studentenverbindung im vornehmen Oxford: der fiktive, aber realen Geheimgesellschaften nachempfundene Riot Club (als Vorbild diente wohl der legendäre Bullingdon Club, dem auch der jetzige Premierminister David Cameron angehörte), der seit Jahrhunderten existiert und lediglich den Söhnen wohlhabender Familien offen steht. Mit großem Eifer und ausgeprägtem Traditionsbewusstsein wird hier dem ausschweifenden Lebensstil gehuldigt, den sich der Freigeist und Genussmensch Lord Riot vor langer Zeit zu eigen machte. Höhepunkt eines jeden Jahres ist das berüchtigte Club-Dinner, bei dem die zehn Mitglieder vollkommen über die Stränge schlagen sollen.

Während sich das Bühnenstück fast ausschließlich auf diesen einen Abend konzentriert, weiten Scherfig und Wade, die selbst für das Drehbuch verantwortlich zeichnete, das Bild in der Verfilmung aus. Zunächst lernt der Zuschauer die beiden Oxford-Frischlinge Miles (Max Irons, Sohn von Jeremy Irons) und Alistair (Sam Claflin) kennen, die sich ganz unterschiedlich in ihre neue Umgebung einfinden. Wie selbstverständlich baut Ersterer eine enge Beziehung zur Arbeitertochter Lauren (Holliday Grainger) auf und zeigt sich auch ansonsten sehr aufgeschlossen. Letzter hingegen hat mit familiären Erwartungen zu kämpfen und gibt sich anfangs eher zugeknöpft. Besserung ist erst in Sicht, als Alistair das Angebot erhält, dem geheimnisumwitterten Riot Club beizutreten, und damit ganz unerwartet Anerkennung erfährt. Miles, der ebenfalls aufgenommen werden soll, freut sich über diese Ehre, obwohl er eigentlich nicht viel für Schichtabgrenzungen übrig hat. Das zumindest versichert er seiner Freundin Lauren, die den Mitgliedern des elitären Zirkels äußerst skeptisch gegenübersteht.

An dieses Vorspiel, das im Theaterstück nicht zu finden ist, schließt im Mittelteil das legendäre Jahrestreffen in einem Landgasthof an, das – daran besteht nur wenig Zweifel – kein allzu schönes Ende nehmen wird. Sind die privilegierten Studenten einmal im Hinterzimmer der Lokalität versammelt, bricht sich das Chaos langsam Bahn. Auf verhältnismäßig harmlose Trinkspiele sollen sexuelle Ausschweifungen folgen. Doch als nicht alles nach Plan verläuft, schlägt die Stimmung unversehens um. Ausgelassenheit macht Platz für Aggressionen, und die sauber herausgeputzten Elitesprösslinge lassen auf einmal jegliche Form von Anstand hinter sich. Scherfig rückt ihren Figuren dabei beständig auf die Pelle, entlässt den Zuschauer nur sporadisch aus dem Separee und reproduziert auf diese Weise erstaunlich effektiv die klaustrophobische Atmosphäre der Bühnenvorlage.

In einem kleinen Raum sind wir gefangen mit intelligenten jungen Männern, die sich allerdings benehmen wie wilde Tiere und zu Hasstiraden gegen gewöhnliche Menschen ansetzen. Durch und durch befremdlich ist diese alkoholgeschwängerte Rückbesinnung auf alte, zweifelhafte Klassenschranken, die gerade in Großbritannien lange Zeit das Zusammenleben dominierten. Manchmal möchte man sich einfach abwenden, da das Verhalten der Protagonisten jeglicher Identifikationsgrundlage entbehrt. Gleichzeitig gelingt es dem Film aber auch, die ungeheure Kraft der Gruppendynamik spürbar zu machen, die selbst den gemäßigten Miles mit sich reißt. Während der anfängliche Sympathieträger zum hilflosen Mitläufer mutiert, blüht ausgerechnet Alistair fortwährend auf. Derjenige, der lange im Schatten anderer stand, wird nun zum Rädelsführer eines grotesk-ausufernden Gelages.

Sicherlich kann man Scherfig und Wade vorhalten, dass sie in erster Linie mit krassen Gegensätzen arbeiten und nur selten Rücksicht auf Grauabstufungen legen. Bewundernswert ist jedoch, mit welcher Konsequenz sie ihre Figuren demontieren, das Publikum distanzieren und uns am Ende keine wirkliche Erlösung gönnen (sieht man einmal von einem etwas halbherzigen Haltungsumschwung bei Miles ab). Bei aller Zuspitzung beinhaltet "The Riot Club" leider unleugbare Wahrheiten, ist der Mensch doch oftmals schnell bereit, auf Schwächere herabzublicken, wenn er sich dann ein wenig größer fühlen kann.

Fazit: Kammerspielartiges Drama rund um eine elitäre Studentenverbindung, das manchmal subtile Zwischentöne vermissen lässt, dafür aber sehr eindringlich zeigt, wozu Überlegenheitsdenken und eine fatale Gruppendynamik führen können.




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