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Kritik: Das radikal Böse (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Nach Hannah Arendt ist das "radikal Böse" "das, was nicht hätte passieren dürfen, d. h. das, womit man sich nicht versöhnen kann, was man als Schickung unter keinen Umständen akzeptieren kann, und das, woran man auch nicht schweigend vorübergehen darf." Dazu gehört zweifellos die Frage, wie aus jungen Männern und Familienvätern Massenmörder von jüdischen Männern, Frauen und Kindern werden konnten. Dieser Frage spürt der österreichische Drehbuchautor und Regisseur Stefan Ruzowitzky ("Die Fälscher") in seinem Film "Das radikal Böse" nach, indem er mithilfe der Gedanken der Täter aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Gerichtsprotokollen die systematische Erschießung jüdischer Zivilisten durch deutsche Einsatztruppen in Osteuropa rekonstruiert und in Interviews mit Experten wie Christopher Browning und Robert Jay Lifton nach Erklärungen sucht.

Als die jungen Männer erstmals den Befehl erhielten, jüdische Zivilisten zu töten, meldeten sich bei einigen Soldaten Zweifel, ja Gewissensbisse, manche erwägten gar, den Befehl zu verweigern. Das Streben nach Konformität, der Glaube, die Führung wisse, was zu tun ist, sowie die menschenverachtende Propaganda konnten diese Zweifel jedoch anfangs beruhigen. Das erste Massaker führte die Soldaten dann an ihre Grenzen – einige erbrachen sich, andere suchten Zeit für sich. Erneut meldeten sich Zweifel an ihren Taten, doch durch das Ausbleiben von Strafe und Sanktionen konnten sie ihre Bedenken – ihr Gewissen – ignorieren. Darüber hinaus stellte sich Gewohnheit ein: Die Beschreibungen des ersten Massakers sind detailliert, beim wiederholten Überschreiten dieser Schwelle wurden die Taten zwar extremer, aber die Soldaten konnten sich nicht mehr so genau an sie erinnern – sie wurden Bestandteil ihres Alltags. Die Allgegenwärtigkeit der Ermordungen, ihre Effektivität und Öffentlichkeit sorgten zudem dafür, dass die Männer den Eindruck haben konnten, ihre Handlungen seien in Ordnung.

Diesen Eskalationsprozess zeichnet Stefan Ruzowitzky in seinem Film erschütternd nach. Er mischt im Splitscreen nachgestellte Spielszenen, die die Soldaten beim Fußballspielen oder Baden zeigen mit genauen Aufzeichnungen der täglich Ermordeten und Großaufnahmen junger Gesichter. Diese Bilder sind untermalt mit Originalzitaten der Soldaten und Elektro-Musik. Diese Inszenierung macht das Grauen der Taten umso deutlicher.

Zur Erklärung des Verhaltens der Täter greift Stefan Ruzowitzky vor allem auf bekannte psychologische Versuche über Macht und Ohnmacht wie das Stanford- oder Milgram-Experiment zurück, außerdem spricht er mit Experten wie dem Militärpsychologen Dave Grossmann und dem katholischen Priester sowie Holocaustforscher Patrick Desbois. Damit gelingt es ihm, die schockierende Wahrheit auszudrücken: In jedem Menschen sind die Anlagen zu diesem Verhalten angelegt. Jedoch kommt der Film kaum über die bekannten Erklärungsansätze hinaus. Auch bleibt er letztlich eine Antwort auf die Frage schuldig, ob sich solche Taten wiederholen können. Hier überzeugt der Verweis auf die Genozide in Ruanda oder Darfur nicht, da sie unter völlig anderen Vorausbedingungen geschahen. Viel Neues ist in "Das radikal Böse" für Zuschauer, die sich bereits mit diesem Thema befasst haben, daher nicht zu erfahren. Jedoch widmet er sich einem wichtigen und weiterhin aktuellen Thema – und ist allein schon deshalb sehenswert.

Fazit: "Das radikal Böse" ist eine eindringliche Dokumentation, die die Entwicklung von Soldaten zu Massenmördern nachzeichnet. Sehenswert.




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