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Der Chor
Der Chor
© Universum Film © 24 Bilder © SquareOne

Kritik: Der Chor - Stimmen des Herzens (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Hollywood erzählt gern vom proletarischen Traum, durch eigener Hände Arbeit von ganz unten nach ganz oben zu klettern. Doch dafür bedarf es zuvor meist der Erziehung des unerfahrenen Helden. Auch "Der Chor – Stimmen des Herzens" folgt diesem dramaturgischen Muster. Stet (Garrett Wareing) ist der talentierte Neuling im renommiertesten Knabenchor der USA. Mit seiner Stimme hat er das Rüstzeug, es zum Solisten zu bringen, was Devon (Simon West), dem Star des Ensembles, freilich nur wenig zusagt. Vom schwülstigen deutschen Verleihtitel sollte sich das Publikum nicht täuschen lassen. Herzlich geht es hinter den Mauern des Internats nur selten zu. Hier tobt ein knallharter Konkurrenzkampf voller List und Intrigen – unter Schülern wie Lehrern.

Die Sympathien sind in Ben Ripleys Drehbuch klar verteilt: Die Internatsleiterin (Kathy Bates), der Chorleiter Carvelle (Dustin Hoffman) und der Neuling sind die Guten. In Diskussionen mit ihren Widersachern wissen sie stets das bessere Argument und die gelungene Pointe auf ihrer Seite. Ihnen stehen der Musiklehrer Drake (Eddie Izzard) und dessen Zögling Devon gegenüber. Drake ist schon seit langem auf Carvelles Posten scharf, Devon verteidigt seine Vorrangstellung gegenüber Stet mit Klauen und Zähnen. Damit das selbst derjenige Zuschauer versteht, der etwas schwer von Begriff ist, setzt Theater-, Opern- und Filmregisseur François Girard ("Die rote Violine") auf (visuelle) Analogien. Auch Carvelle war wie Stet einst ein Rebell. Devon und Drake liegt das Strebertum – wie es scheint – bereits im Blut. Rein äußerlich wandelt Devon wie eine Miniaturausgabe seines Lehrmeisters durch den Film. Ein schauderhafter Anblick, der einen frösteln lässt.

Nicht der einzige Gänsehautmoment des Films. Schon die Ausgangslage gaukelt den Zuschauern etwas vor. Stets Aufstieg vom Armenviertel ins Eliteinternat ist bar jeder Wahrscheinlichkeit. Und so muss denn auch Stets leiblicher Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, erst das Scheckbuch zücken, um für seinen verleugneten Bastard den Weg in eine bessere Zukunft zu ebnen. Wieder einmal nährt die alte die kommende Elite. Doch es kommt noch schlimmer. Obwohl die Sympathien eindeutig aufseiten der Außenseiter liegen, zahlen sie für ihren Triumph einen hohen Preis. Die Zeiten, in denen ein Underdog auch im Erfolg Underdog bleiben durfte oder gar erst aufgrund seiner Randstellung reüssierte, scheinen im Hollywoodkino lange vorbei. Begabung allein reicht nicht (mehr) aus. Neben das Talent tritt die harte Disziplin.

In "Der Chor – Stimmen des Herzens" mündet diese in bedingungslose Uniformität. Die Jungen des Chors wirken wie kleine, gut gedrillte Roboter. Diese Coming-of-Age-Geschichte präsentiert dem Publikum eine Gesellschaft, die Individualität mit Scheitern und Konformität mit Erfolg gleichsetzt. Einstige Rebellen wie Carvelle sind längst Teil des Systems. Statt seinen Schülern beizubringen, diese Mechanismen zu hinterfragen, lehrt er sie unreflektierte Akzeptanz. Wen es da nicht schaudert, der schwimmt vielleicht schon zu lange mit dem Strom.

Fazit: Wo sind sie hin, die Zeiten, in denen Außenseiter noch Außenseiter bleiben durften? Im Kino des New Hollywood verkörperte Dustin Hoffman unzählige davon. In "Der Chor – Stimmen des Herzens" gibt er nurmehr den braven Opa, der die Jugend auf Disziplin und Anpassung einschwört. Das macht François Girards Coming-of-Age-Film zu einem Märchen mit fragwürdigem Subtext. Darüber täuscht auch die wunderbare Musik nicht hinweg. Manchen mag sie hingegen so sehr einlullen, dass er darüber hinwegsieht.




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