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Kritik: For No Eyes Only (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Thriller des jungen Filmemachers Tali Barde ist eine moderne Interpretation von Hitchcocks Klassiker "Das Fenster zum Hof". Ein Junge, der sich das Bein gebrochen hat, beobachtet in der Abgeschiedenheit seines Zimmers, was seine Mitschüler zuhause so machen – heimlich, über manipulierte Webcams. Solche Fälle, in denen Menschen mit ihren eigenen Webcams unbemerkt und ungewollt gefilmt wurden, hat es ja tatsächlich schon gegeben. Die Spannung dieses jugendlich frischen Films verläuft zweigleisig: Im Vordergrund steht das Detektivspiel von Sam, der glaubt, sein Mitschüler Aaron habe seinen Vater umgebracht. Außerdem jongliert die Geschichte auch aufregend mit den Verlockungen und den Ängsten, die entstehen, wenn das Internet die Privatsphäre durchdringt.
Am besten zeigt sich diese Ambivalenz am Beispiel Livias: Sie kann in Sams Zimmer selbst kaum den Blick von den Monitoren lösen, auf denen mehrere ahnungslose Teenager erscheinen. Lernen sie, bekommen sie Besuch, haben sie merkwürdige Vorlieben, ziehen sie sich gerade aus? Aber als Livia entdeckt, dass Sam auch Aufnahmen von ihr selbst besitzt, reagiert sie wütend und schockiert. Sam und Livia wissen, dass sie illegal handeln, wenn sie ihre Mitschüler ausspähen – aber sie tun es trotzdem.
Eine interessante Mischung aus innovativem Stil und Laienhaftigkeit durchzieht diesen Thriller, den eine Film AG am Otto-Hahn-Gymnasium in Bensberg bei Köln auf die Beine gestellt hat. Ihr Leiter Tali Barde, selbst ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums, führt zum ersten Mal Regie bei einem Spielfilm, ist auch für Drehbuch, Schnitt, Produktion verantwortlich und spielt die Rolle des Aaron. Als Kameramann fungiert sein Film-AG-Mitarbeiter Louis Bürk. In vielen Rollen treten Laiendarsteller auf, wie der Schüler Benedict Sieverding als Sam. All das erklärt nicht nur, warum das Ergebnis manchmal wie ein Übungsdreh aussieht. Es entsteht dabei auch diese besondere Lebendigkeit und Aussagekraft, die sich meist nur ergibt, wenn die Macher und die Filmcharaktere demselben Milieu entstammen.
Die Bildausschnitte und der Blick auf die Protagonisten sind manchmal schräg oder erfordern auf andere Weise erhöhte Konzentration: Es kann passieren, dass man sich dabei ertappt, wie man sich vorbeugt, um beim Ausspähen nichts zu verpassen. Der Schnitt kann spielerisch Schnipsel erzeugen, vermittelt aber auch geschickt die Verbindung von Sam vor dem Bildschirm und Livia, wenn sie zu Aaron geht. Eine Entdeckung für sich ist die wunderbar originelle Musik von Marco Heibach und Philipp Seuthe. Erstaunlich, wie viel Dynamik in diesem streckenweise richtig spannenden Film steckt.

Fazit: Der von einer schulischen Film-AG hergestellte Thriller nutzt seine an Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" angelehnte Geschichte zu einer interessanten Erörterung über den Schutz der Privatsphäre im Zeitalter von Internet und Social Media. Dabei überraschen sein frischer, origineller Umgang mit Kamera, Schnitt, Musik und die Spielfreude seiner Darsteller.





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