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Mistaken for Strangers
Mistaken for Strangers
© Neue Visionen

Kritik: Mistaken for Strangers (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Indie-Pop-Band "The National" gehört zu den erfolgreichsten Acts ihrer Art, vor allem in den Vereinigten Staaten genießen die fünf Musiker aus Ohio eine hohe Popularität. Die Band besteht aus zwei Brüderpaaren sowie dem Sänger und Songwriter Matt Berninger, dessen charakteristische Bariton-Stimme das Erkennungsmerkmal der Band ist. "Mistaken for Strangers" ist zugleich Tour-Doku, Musikfilm und dokumentarischer Selbstfindungstrip, unterhaltsam und witzig in Szene gesetzt vom neun Jahre jüngeren Bruder von Matt, Tom Berninger. Dieser nahm 2010 das Angebot an, "The National" auf deren Europa-Tour als Roadie zu begleiten. Immer mit im Gepäck: dessen Filmkamera.

"Mistaken for Strangers" kommt anfangs noch als klassische Musik-Doku und filmisches Tour-Tagebuch daher, das etliche intime Einblicke in das Band-Gefüge "The National" liefert. Insofern ist der Film in erster Linie für Freunde der Band und deren Musik zu empfehlen. Zu sehen gibt es massenweise Ausschnitte und Aufnahmen von Europa-Konzerten (Berlin, Paris u.a.), Sound-Proben, Foto- und Interview-Terminen und etliche Backstage-Eindrücke, die das Bild einer gut harmonierenden, humorvollen Band vermittelt, deren Mitglieder - wenn es darauf ankommt und die Situation es verlangt - auf Knopfdruck zu Voll-Profis werden.

Das Besondere an dieser Doku ist jedoch der subjektive Blick und der ganz eigene Stil von Tom Berninger. Durch dessen Nähe zu Matt geht dem Film natürlich einiges an Neutralität und Sachlichkeit verloren - jedoch fließt so auch der kauzige Charme und das chaotische Wesen des jüngeren Bruders in den Film mit ein, der hauptsächlich deswegen so gelungen ist. Tom ist so ganz anders als sein erfolgreicher Bruder: ein schlampiger, trotteliger Tu-nicht-Gut, der bis jetzt immer in den Tag hineingelebt hat und lieber Amateur-Horrorfilme inszenierte als sich um seine berufliche Zukunft zu kümmern. Mit Indie-Musik kann der Metal-Fan dabei scheinbar ebenso wenig anfangen wie mit Ordnung und Disziplin.

Gut möglich, dass Sänger Matt mit dem Angebot an Tom, die Band auf Tour durch Europa zu begleiten, dafür sorgen wollte, dass der optisch am ehesten an einen schludrigen Obdachlosen und Herumhänger erinnernde kleine Bruder endlich ein wenig Ordnung in sein Leben bringt. Falls dem so sein sollte, ging dieser Versuch gehörig nach hinten los: Selfmade-Regisseur Tom hält sich für den geborenen Regisseur, der ordentlich Chaos und Konfusion in den Tour-Alltag bringt. Er kommt den typischen Pflichten eines Roadies nicht nach, verbringt die meiste Zeit statt dessen lieber mit Filmen, fängt sich deswegen den Ärger des Tourmanagers ein und ist nach den Auftritten der Band nicht selten der Erste, der sich im Backstage-Bereich Unmengen an Alkohol zuführt (der Tourmanager zu Tom: "Du darfst nicht so viel feiern. Du gehörst zur Crew!"). Dazu kommt, dass er die Band mit seltsamen Fragen zu ihrem Musiker- und Tour-Leben gehörig verwirrt. Seiner Doku scheint kein Konzept, kein Plan zugrunde zu liegen. Dieser Umstand macht den Film aber wiederum auch so sehenswert, auch wenn einem das nervige, laute und tollpatschige Verhalten von Tom schon das ein oder andere Mal gehörig auf die Nerven geht.

Mit "Mistaken for Strangers" möchte Tom zudem den Aspekt des Verhältnisses der Brüder untereinander anschneiden und damit ausgetretene, altbekannte Musik-Doku-Pfade verlassen. Das gelingt dem Film außerordentlich gut. Das Brüder-Verhältnis rückt vor allem in der zweiten Hälfte in den Blickpunkt und schnell wird deutlich, dass die mitunter auch von Neid, Missgunst und Wohlwollen beherrschte Beziehung äußerst komplex und vielschichtig ist.

Tom unterdrückt nicht selten seine Bewunderung für Matt, der sich wiederum rührend um seinen Bruder kümmert und sich für ihn einsetzt, letztlich aber doch auch oft kurz davor steht, Tom als Roadie rauszuwerfen. Interessante Einblicke in deren Beziehung und Erziehung liefern zuletzt die Eltern der beiden ungleichen Brüder, die amüsante Anekdoten bieten und mit einigen Äußerungen vor allem zu Tom doch sehr überraschen.

Fazit: "Mistaken for Strangers" ist mehr als nur reines Tour-Tagebuch und Musik-Doku. Der subjektive Einblick in intime Band-Momente von "The National" ist vor allem eine unterhaltsame und spannende Studie über das komplexe Verhältnis zweier unterschiedlicher Brüder.





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