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Kritik: Gemma Bovery (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Gerne werden literarische Klassiker für das Kino adaptiert und modernisiert, wobei häufig keine kreative Vision den Ausschlag gibt, sondern vor allem die Aussicht auf einen Publikumserfolg, da die Vorlagen weithin bekannt sind. Von einer derart uninspirierten Herangehensweise ist die französische Tragikomödie "Gemma Bovery" zum Glück ein ganzes Stück entfernt, gelingt Anne Fontaine ("Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft") auf Grundlage einer britischen Graphic Novel aus der Feder von Posy Simmonds doch eine erstaunlich gewitzte Auseinandersetzung mit Gustave Flauberts berühmtem Gesellschaftsroman "Madame Bovary".

Ausgangspunkt des filmischen Blicks ist der gelangweilte Literaturliebhaber Martin Joubert (Fabrice Luchini), der den Zuschauer über seine Voice-Over-Kommentare in die Geschichte einführt und seine Aufmerksamkeit mehrmals auf bestimmte Details lenkt. Als Objekt der Begierde fungiert die umwerfend schöne Gemma Bovery (Gemma Arterton), die Martins ganzes Interesse weckt, weil sie ihm wie eine moderne Reinkarnation seiner verehrten Romanheldin Emma Bovary erscheint. Zeigt Fontaine, die gemeinsam mit Pascal Bonitzer das Drehbuch verfasste, den kauzigen Bäcker zunächst als verträumten Beobachter (dessen Haltung freilich auch die voyeuristische Perspektive des Kinogängers spiegelt), lässt sie ihn schon bald seine passive Rolle abstreifen und direkt ins Geschehen eingreifen. So wie es Schriftsteller, Drehbuchautoren oder Regisseure tun, um ihrer Erzählung neue Wendungen zu geben.

Auf diese Weise entspinnt sich vor einer pittoresken Landschaftskulisse ein amüsantes, leichtfüßiges und selbst für romanunkundige Zuschauer unterhaltsames Spiel mit mehreren Fiktionsebenen. So finden Entwicklungen aus Flauberts "Madame Bovary" in abgewandelter Form Eingang in die Handlung. Martin versteift sich immer mehr darauf, Gemma vor dem tragischen Schicksal zu bewahren, das der Romanfigur widerfährt. Und auch weiterhin begleiten uns die nicht selten sarkastischen Einschätzungen, die Joubert aus dem Off zum Besten gibt.

Fontaine schafft es dabei recht überzeugend, zwischen unterschiedlichen Stimmungen und damit unterschiedlichen Genres zu wechseln. Einmal betont sie die romantische Seite der Geschichte. Etwa, wenn Gemma, in ein luftiges Sommerkleid gehüllt, verträumt durch Wald und Wiesen streift. Nur um dann wieder die absurd-tragischen Aspekte zu betonen. Beispielsweise Martins sexuelles Interesse an seiner hübschen Nachbarin, das unerfüllt bleiben wird, allerdings mit Händen zu greifen ist, als er sie in die Kunst des Teigknetens einweist. Eine Szene, die schrecklich peinlich wirken könnte, hier jedoch eine betörende Komik versprüht. Gerecht wird Fontaine selbst den düsteren Anklängen, die das Geschehen zweifellos begleiten. Immerhin handelt es sich bei Martin auch um einen obsessiven Stalker, der zwar nicht bedrohlich übergriffig wird, durch seine kleinen Manipulationen aber entscheidend, wenngleich ungewollt, zur Eskalation der Lage beiträgt.

Auch wenn sich der Film im letzten Drittel einige billige Wendungen erlaubt, die stark an handelsübliche TV-Schmonzetten erinnern, überwiegt am Ende der positive Eindruck. Was nicht zuletzt der großartigen Darbietung von Fabrice Luchini zu verdanken ist, der den verschrobenen, leicht überheblichen Intellektuellen mit sichtlicher Spielfreude verkörpert. Ganz ähnlich wie in François Ozons Mystery-Drama "In ihrem Haus" aus dem Jahr 2012.

Fazit: Verspielt-leichtfüßige Tragikomödie über die Liebe und die Kraft der Fantasie, die Gustave Flauberts weltbekannten Gesellschaftsroman "Madame Bovary" gewitzt in die heutige Zeit transportiert.





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