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Kritik: Harms (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Gangsterfilm von Regisseur und Drehbuchautor Nikolai Müllerschön wagt ein doppeltes Experiment: Er setzt auf echte Genrekost, wie sie in Deutschland so gut wie gar keine Tradition hat, und er ist ohne öffentliche Fördergelder produziert. Die beiden Produzenten Heiner Lauterbach und Müllerschön rechneten sich für das Projekt gar keine Chance bei den Fördergremien aus. Außerdem wollten sie sich bei der Geschichte auch von niemandem dreinreden lassen. So ist "Harms" durch und durch der Film geworden, den seine Macher im Sinn hatten. Diese Besonderheit merkt man dem geradlinigen Thriller an, weil er viel weniger glatt wirkt als übliche Kinokost.

Die Geschichte handelt zum einen von der Planung und Durchführung eines sensationellen Bankraubs. Zum anderen ist sie aber auch sehr gefühlsbetont an ihren Protagonisten vom Rand der Gesellschaft interessiert. Harms' Milieu ist die Imbissbude von Onkel Albrecht (Helmut Lohner) und das schäbige Vorstadtlokal von Timm, er lernt einen jungen Türken kennen, der Albrecht hilft, und schläft mit der Hure Jasmin (Valentina Sauca), die kein Geld von ihm nimmt. Wie die Eingangsszene im Knast zeigt, kann der harte Knochen Harms brutal zuschlagen. Aber auf sein Wort ist hundertprozentig Verlass. Solidarität, Mut und Ehrgefühl imponieren ihm, aber die Welt, die er nach all den Jahren im Gefängnis draußen vorfindet, hat sich offenbar verändert. Harms kommt sich als Gangster alter Schule mit seinem Ehrenkodex bald vor wie der letzte Mohikaner. Die tätowierte schwarze Träne unter seinem Auge steht also durchaus symbolisch für die Melancholie eines Außenseiters, der an das Gute glaubt. Lauterbach spielt diese wortkarge Respektsperson, die nie zu Späßen aufgelegt ist, markant und glaubwürdig. In dieser Rolle des alternden Haudegens erinnert er sogar ein wenig an Liam Neeson und seine "96 Hours"-Filme. Auch Martin Brambach und Axel Prahl überzeugen als ausgeprägte Charaktere und einfache Männer, mit denen die Gier nach den Millionen durchgeht.

Harms und sein Milieu, die Vorbereitung des Bankraubs und die finale Action sind spannend genug, um das Experiment Gangsterfilm als gelungen zu bezeichnen. Dennoch gibt es auch hier einige Punkte, die das Problem tendenziell bestätigen, das deutsche Genrefilme mit der Realitätsnähe haben. Wieso sich Harms, der Profi, trotz aller Unsicherheiten auf diesen Coup überhaupt einlässt, und dann noch mit einer so amateurhaften Truppe, das wirkt schon ziemlich zusammengezurrt. Und dann summieren sich die Verletzungen zu einer solchen Blutspur, dass man sich fragt, wie sich die Überlebenden davon unerkannt erholen sollen.

Fazit: Als deutscher Genrefilm, der ohne öffentliche Förderung entstand, hebt sich der Bankraub-Thriller "Harms" angenehm von durchschnittlicher Kinokost ab. Heiner Lauterbach überzeugt in der Titelrolle als harter Gangster, dem sein Ehrenkodex das Wichtigste ist.





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