oder

Göttliche Lage - Eine Stadt erfindet sich neu (2014)

Göttliche Lage

Deutsche Dokumentation über ein ehemaliges Stahlwerksgelände in Dortmund und dem Umbau zu einem neuen Stadtteil mit luxuriöser Wohnbebauung, dessen ein künstlicher See bildet.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse ??? / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben bislang 0 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Kaum sind die Öfen des Dortmunder Stahlwerks Phoenix-Ost im April 2001 endgültig erloschen, da haben findige Stadtplaner auch schon eine Idee, wie sie dem im Zuge der Deindustrialisierung verödeten Areal neues Leben einhauchen können. Ein künstlicher See samt einem Wohn- und Naherholungsgebiet soll genau an der Stelle entstehen, wo einst Europas schnellste Eisenhütte stand: Der Stadtteil Dortmund-Hörde soll von nun an nicht mehr nach Maloche und rauem Ruhrpott klingen, sondern für mediterranes Flair und Freizeitvergnügen stehen.
Über einen Zeitraum von fünf Jahren haben die Regisseure Ulrike Franke und Michael Loeken für ihren Dokumentarfilm "Göttliche Lage" die Planungen und Arbeiten rund um das Projekt Phoenix-See begleitet. Von den ersten Bauarbeiten über den Verkauf von Grundstücken bis zur feierlichen Einweihung verfolgen die Filmemacher das ambitionierte Unternehmen und treffen dabei auf eine Vielzahl von Menschen, die alle auf unterschiedliche Art von den weitreichenden Renaturierungs- und Umbaumaßnahmen des ehemaligen Industriestandorts betroffen sind. Sie zeigen den Arbeitsalltag der Marketingexperten, Immobilienmakler und Politiker ebenso wie die Sorgen des ansässigen Heimatvereins und einer Kioskbesitzerin, deren Kundschaft gemeinsam mit der Schwerindustrie abgewandert ist. Mit einem Polizisten geht das Filmteam auf Streife durch ein ehemaliges Arbeiterviertel im Norden des Sees, wo die Menschen bereits die drohende Gentrifizierung fürchten, und auch die Hörder Grundschüler haben ganz eigene Vorstellungen davon, wie sie den Phoenix-See nutzen wollen.

Bildergalerie zum Film

Göttliche LageGöttliche LageGöttliche LageGöttliche LageGöttliche LageGöttliche Lage


Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Die ersten Einstellungen von Ulrike Frankes und Michael Loekens Langzeitdokumentation "Göttliche Lage" zeigen die riesige Baustelle, die einmal der prestigeträchtige Phoenix-See werden soll, als karge Wüstenlandschaft, inmitten der schlaff und symbolträchtig eine Deutschlandflagge vom Fahnenmast hängt. Es scheint den Filmemachern also um mehr zu gehen, als bloß den Einzelfall: Die Prozesse der Gentrifizierung, die hier in Dortmund-Hörde ablaufen, finden in ähnlicher Weise natürlich auch in unzähligen anderen Städten der Bundesrepublik statt. Doch es ist vor allem der genaue Blick auf die konkreten Geschehnisse, der den Dokumentarfilm so sehenswert macht.

Dabei bleiben die vielen menschlichen Protagonisten, die der Film über Jahre hinweg begleitet und die manchmal trotzdem namenlos bleiben, immer Stellvertreter für gesellschaftliche Gruppen. Lebensgeschichten und persönliche Schicksale werden nur am Rande gestreift, spielt jeder Beteiligte doch eine eindeutige Rolle in diesem durchaus komischen Drama um Strukturwandel und soziale Umbrüche: Der Polizist vertritt ganz liebenswert Recht und Ordnung, die Marketingexperten zeichnen sich in erster Linie durch ihre blinde Marktgläubigkeit aus, der Vorsitzende des Heimatvereins will Altes bewahren und die Fragen der Schulkinder sind in ihrer Naivität äußerst entlarvend. Dankbar und mit viel Sinn für Humor greifen Franke und Loeken das Material auf, das die Protagonisten ihnen bieten und pointieren die Komik der Szenen subtil durch den Soundtrack und Bildkompositionen: Ein Meeting der Stadtplaner wird da mit seiner hohlen Phrasendrescherei zum absurden Theater und ein Gespann von älteren Herren, das sich immer wieder am Rand der gigantischen Baustelle trifft, um das Treiben dort zu kommentieren, weckt Erinnerungen an Waldorf und Statler aus der "Muppet Show".

So verdichtet "Göttliche Lage" die Entstehung des Phoenix-Sees zu einem skurrilen Heimatfilm, der ohne falsche Sentimentalität auf die Vergangenheit des Ruhrgebiets als Metropole der Montanindustrie blickt und dem Fortschritt zwar nicht argwöhnisch, aber dennoch kritisch gegenübertritt. Während die Werbefachleute und Politiker so manches Mal in ihrer Funktion als Vertreter der herrschenden Elite lächerlich gemacht werden, schauen die Filmemacher stets mit Empathie auf die Verlierer des gesellschaftlichen Fortschritts, die in den Zukunftsvisionen der Mächtigen oft keinen Platz haben.

Fazit: Mit "Göttliche Lage" ist Ulrike Franke und Michael Loeken ein Dokumentarfilm gelungen, der sich mit Witz und Neugier dem Strukturwandel im Ruhrpott widmet. Mit kleinen Spitzen gegen blinde Marktgläubigkeit und mit Sympathie besonders für seine vom Fortschritt vergessenen Protagonisten stellt der Film auch Fragen, die weit über den Einzelfall Phoenix-See hinausgehen und das Phänomen Gentrifizierung vielschichtig beleuchten.




FBW-BewertungJurybegründung anzeigen

FBW: besonders wertvollÜber 160 Jahre wurde auf dem Phoenix Gelände im Dortmunder Stadtteil Hörde Stahl produziert, jetzt entsteht auf dem Areal des ehemaligen Stahlwerks von Thyssen Krupp ein neues Wohn- und Naherholungsgebiet rund um einen künstlich angelegten See: den [...mehr]

TrailerAlle anzeigen

Zum Video: Göttliche Lage

Filminfos & CreditsAlles anzeigen

Land: Deutschland
Jahr: 2014
Genre: Dokumentation
Länge: 90 Minuten
FSK: 0
Kinostart: 21.08.2014
Regie: Ulrike Franke, Michael Loeken
Darsteller: Ursula Klischan, Heinz Hüppe, Ludger Schürholz
Verleih: Real Fiction

Verknüpfungen zum FilmAlle anzeigen





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.