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Kritik: Göttliche Lage - Eine Stadt erfindet sich neu (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die ersten Einstellungen von Ulrike Frankes und Michael Loekens Langzeitdokumentation "Göttliche Lage" zeigen die riesige Baustelle, die einmal der prestigeträchtige Phoenix-See werden soll, als karge Wüstenlandschaft, inmitten der schlaff und symbolträchtig eine Deutschlandflagge vom Fahnenmast hängt. Es scheint den Filmemachern also um mehr zu gehen, als bloß den Einzelfall: Die Prozesse der Gentrifizierung, die hier in Dortmund-Hörde ablaufen, finden in ähnlicher Weise natürlich auch in unzähligen anderen Städten der Bundesrepublik statt. Doch es ist vor allem der genaue Blick auf die konkreten Geschehnisse, der den Dokumentarfilm so sehenswert macht.

Dabei bleiben die vielen menschlichen Protagonisten, die der Film über Jahre hinweg begleitet und die manchmal trotzdem namenlos bleiben, immer Stellvertreter für gesellschaftliche Gruppen. Lebensgeschichten und persönliche Schicksale werden nur am Rande gestreift, spielt jeder Beteiligte doch eine eindeutige Rolle in diesem durchaus komischen Drama um Strukturwandel und soziale Umbrüche: Der Polizist vertritt ganz liebenswert Recht und Ordnung, die Marketingexperten zeichnen sich in erster Linie durch ihre blinde Marktgläubigkeit aus, der Vorsitzende des Heimatvereins will Altes bewahren und die Fragen der Schulkinder sind in ihrer Naivität äußerst entlarvend. Dankbar und mit viel Sinn für Humor greifen Franke und Loeken das Material auf, das die Protagonisten ihnen bieten und pointieren die Komik der Szenen subtil durch den Soundtrack und Bildkompositionen: Ein Meeting der Stadtplaner wird da mit seiner hohlen Phrasendrescherei zum absurden Theater und ein Gespann von älteren Herren, das sich immer wieder am Rand der gigantischen Baustelle trifft, um das Treiben dort zu kommentieren, weckt Erinnerungen an Waldorf und Statler aus der "Muppet Show".

So verdichtet "Göttliche Lage" die Entstehung des Phoenix-Sees zu einem skurrilen Heimatfilm, der ohne falsche Sentimentalität auf die Vergangenheit des Ruhrgebiets als Metropole der Montanindustrie blickt und dem Fortschritt zwar nicht argwöhnisch, aber dennoch kritisch gegenübertritt. Während die Werbefachleute und Politiker so manches Mal in ihrer Funktion als Vertreter der herrschenden Elite lächerlich gemacht werden, schauen die Filmemacher stets mit Empathie auf die Verlierer des gesellschaftlichen Fortschritts, die in den Zukunftsvisionen der Mächtigen oft keinen Platz haben.

Fazit: Mit "Göttliche Lage" ist Ulrike Franke und Michael Loeken ein Dokumentarfilm gelungen, der sich mit Witz und Neugier dem Strukturwandel im Ruhrpott widmet. Mit kleinen Spitzen gegen blinde Marktgläubigkeit und mit Sympathie besonders für seine vom Fortschritt vergessenen Protagonisten stellt der Film auch Fragen, die weit über den Einzelfall Phoenix-See hinausgehen und das Phänomen Gentrifizierung vielschichtig beleuchten.





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