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FBW-Bewertung: (K)ein besonderes Bedürfnis (2013)

Prädikat wertvoll

Jurybegründung: Ein Sommer in einem Garten. Eine Frau hängt Wäsche auf. Männer laufen einander unbefangen hinterher, spielen mit Wasserpistolen, spritzen mit Wasser. Eine kleine Szene in Amateurfilmoptik als Entrée der deutsch-italienischen Produktion (K)EIN BESONDERES BEDÜRFNIS. Der Dokumentarfilm lässt gleich zu Beginn sympathische, familiäre Nähe entstehen, eine Nähe, die er über 81 Minuten Laufzeit aufrecht erhält.

Enea ist 29 Jahre alt, lebt in der Nähe von Udine und hat einen großen Wunsch: Er möchte ein Mädchen kennenlernen und mit ihr schlafen. Das ist allerdings nicht so einfach, denn Enea ist psychisch behindert.

(K)EIN BESONDERES BEDÜRFNIS ist ein Videotagebuch, das von Enea und den Versuchen seine Traumfrau zu finden erzählt, aber auch von den zahlreichen Zurückweisungen, die er bewundernswert stoisch überträgt. (K)EIN BESONDERES BEDÜRFNIS erzählt von der Gefühls-Gemengelage aus Nähe, Liebe und Sex, das nicht nur Enea verwirrt. Auch für seine besten Freunde und Begleiter Alex und Regisseur Carlo Zoratti ist Zweisamkeit keine einfach zu begreifende Sache. Hoch anzurechnen ist der Dokumentation, dass sie sich nicht auf den ?Sonderfall Behinderung? stürzt, sondern Leben und Sexualität seiner Freunde mit einbezieht. Wenn Alex, Carlo und Enea sich über die Zahl der Frauen unterhalten, die sie ?schon einmal gehabt haben?, dann spiegelt das zum einen die männliche Hilflosigkeit wider, zum anderen aber auch die Leichtigkeit, mit der Zanetti an ein schwer zu realisierendes Projekt gegangen ist.

(K)EIN BESONDERES BEDÜRFNIS begleitet die Drei in einem Roadmovie durch Europa, auf der Suche nach Frauen, Prostituierten und Therapeutinnen. Dort, wo normale Bekanntschaften versagen, ist professionelle Hilfe gefordert. Interessanterweise hilft Enea schließlich eine Einrichtung in Norddeutschland entscheidend weiter.

Die subtile Darstellung der Hilflosigkeit hat die Jury überzeugt, der Lerneffekt wird filmisch gut dargestellt. Dass der Film eingesprochen in die Kinos kommt lässt ihn zwar etwas einfach erscheinen, verhilft ihm sicherlich aber zu mehr Authentizität und vermutlich auch zu Publikum, dass während des Films nicht lesen kann oder möchte.

Weniger überzeugend war für die Jury die einseitig männliche Darstellung. Sicherlich weist der Film mit Enea, Carlo und Alex drei männliche Protagonisten auf, dennoch wünschte sie sich in derDiskussion, dass die Darstellung von Frauen als Objekt mehr, als nur im Ansatz hinterfragt würde. Wirklich irritiert zeigte sich die Jury dagegen von der erstaunlich unsensiblen, musikalischen Unterstreichung des Sexualaktes. Dort, wo die Kamera dezent und gut ins Leere schwenkt, lässt RegisseurZoratti urplötzlich einen Frauenchor ertönen. Dies verklärt den Geschlechtsverkehr (auch wenn nicht vollzogen) zum heiligen Akt. Eine dramaturgische Überhöhung, die, nach Meinung der Jury, die Intention des Films unfreiwillig konterkariert, zumal sich eine musikalische Untermalung im übrigen Film immer gut eingebunden aus der Handlung erklärt.

Dennoch ist Carlo Zoratti mit (K)EIN BESONDERES BEDÜRFNIS ein erstaunlich einfühlsamer Film über menschliche Bedürfnisse gelungen. Ein Film mit einzigartigen Akteuren und einer tollen Nähe, der, wie die Jury befindet, zum Diskutieren anregt und über den zu diskutieren sich lohnt.




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