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Kritik: Timbuktu (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Am 29. Juli 2012 wurde in einem Ort im nördlichen Mali ein Paar in den Dreißigern, das zwei Kinder hat, von islamischen Fundamentalisten zu Tode gesteinigt, weil es nicht verheiratet war. Bereits der Vorfall an sich ist zutiefst empörend. Hinzu kommt, dass die Medien ihn komplett ignoriert haben. Nur die Dschihadisten selbst haben ein Tötungsvideo ins Netz gestellt. Auf dieses entsetzliche Unrecht aufmerksam zu machen ist die Motivation des selbst aus Mali stammenden Regisseurs Abderrahmane Sissako zu seinem Film "Timbuktu", der auch solch eine schockierende Szene enthält.

Die meiste Zeit über setzt Sissako jedoch auf ruhigere Töne. Er stellt die Schönheit der weiten Wüstenlandschaft und die natürliche Schlichtheit der einfachen Lehmbauten von Timbuktu dem absurden Treiben der ignoranten Besatzer gegenüber. Der Filmemacher verzichtet auf jedewede explizite Kommentare und lässt stattdessen den Zuschauer selbst erleben, mit was für Menschen man es hier zu tun hat. Eine renitente Fischfrau schimpft, weil auch sie plötzliche Stoffhandschuhe tragen soll, was bei der Hitze und bei dem Hantieren mit ihrer glitschiegen Ware natürlich nicht sehr sinnvoll ist. Da das Ballspielen verboten ist, spielt die örtliche Fußballmanschaft nun zum Trotz Pantomime-Fußball - ohne Ball. Ein bekehrter ehemaliger Rapper soll in einem Propagandavideo mitwirken. Da er nicht überzeigend genug wirkt, gibt ihm der zuständige Dschihadist ausführliche Regieanweisungen. Ein anderer Gotteskrieger besucht die Nomadenfamilie bevorzugt, wenn Kidane nicht da ist, um sich an dessen schöne Frau Satima heranzumachen. Ein Kollege kommt zu einer Frau, indem die von ihm Begehrte kurzerhand zwangsverheiratet wird. Wer beim Musizieren erwischt wird, der wird gnadenlos öffentlich ausgepeitscht.

In "Timbuktu" liegen Komik und Tragik stets dicht beeinander. Anstatt zu moralisieren, zeigt Sissako, wie erbärmlich diese bornierten Dschihadisten sind. Trotzdem verteufelt der Filmemacher nicht den Islam. Ganz im Gegenteil besteht ein Teil der Absurdität des Wirkens der Fundamentalisten darin, dass ein gemäßigter Islam längst in Timbuktu etabliert ist. Der örtliche Iman ist die einzige Person, die von den ausländischen Gotteskriegern respektiert wird. Der wirft die bewaffneten Kämpfer als erstes aus der örtlichen Moschee heraus. Anschließend erklärt er ihnen, dass der Dschihad in erster Linie ein Prozess der inneren Reinigung ist, den jeder bei sich durchführen muss. Sie hören dem weisen alten Mann aufmerksam zu. Anschließend wird weiter gemordet.

Fazit: "Timbuktu" gelingt eine so absurde, wie eindringliche Schilderung der Übernahme eines afrikanischen Ortes durch Dschihadisten. Letztere werden nicht dämonisiert, sondern als leicht vertrottelte Ignoranten entzaubert.





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