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Something Must Break
Something Must Break
© Salzgeber & Co

Kritik: Something Must Break (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Skandinavien gilt als ein weltweiter Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung von Minderheiten. Vom Spähtaufsteher bis zum Autisten kommt hier jeder zu seinem Recht. Dänemark ist z.B. neben den USA das erste Land, das Sadomasochismus nicht mehr als Krankheit diffamiert. Das ist heute noch ungewöhnlich. Aber wenn man sich daran erinnert, wie lange bei uns sogar Homosexualität noch als eine Krankheit galt, der erkennt wie relativ unsere Wertvorstellungen sind. Aber heute sind wir anscheinend bereits deutlich weiter. Deshalb mag man glauben, dass Homosexualität in einem Land wie Schweden kein ein Thema ist, das ausreichend Konfliktpotential für ein Drama birgt.

Aber "Something Must Break" zeigt auf, wie schnell man selbst in einem solchen Staat an die Grenzen der Toleranz und des Verständnis stößt, wenn man es mit einer Person wie Sebastian zu tun hat. Sebastian sagt von sich selbst, er sei nicht schwul, obwohl er Männer liebt. Er betont seine feminine Seite so sehr, dass er manchmal sogar mit einer Frau verwechselt wird. Aber er hat es nicht eilig auch körperlich ganz zu einer Frau zu werden. Man hat vielmehr den Eindruck, dass er sich in seiner Haut und in seinem Ist-Zustand eigentlich sehr wohl fühlt. Sebastians Problem ist nicht, dass er im Körper eines Mannes steckt, sondern das Unverständnis und die Ablehnung der anderen.

Bei aller vordergründigen Toleranz macht Sebastian einfach immer wieder die Erfahrung, dass jemand wie er - also eine Person, der man schwer ein gängiges Etikett verpassen kann - die Menschen übermäßig irritiert, da so ein Fall einfach nicht vorgesehen ist. Gerade in dem so netten und blitzsauberen IKEA-Land provoziert Sebastian immer wieder unabsichtlich verstörte bis offen aggressive Reaktionen seiner Mitmenschen. Auch bei uns ist es nicht vorgesehen, dass eine Person für sich eine Identität empfindet, die irgendwo zwischen den Geschlechtern angesiedelt ist. Wer also eine Geschlechtsumwandlung machen will, der muss diese deshalb zwangsweise bis zum Ende durchführen.

Anders ist dies in San Franciso, wo sich (potentielle) Transsexuelle auf jeder Stufe einer Geschlechtsumwandlung dazu entschließen können, dass der aktuell erreichte Zustand (zunächst) ihr erwünschter Endzustand ist. Die für die Behandlung ungewöhnlicher sexueller Thematiken bekannte deutsche Filmemacherin Monika Treut ("Verführung: Die grausame Frau", 1985) hat dieser Szene einen Dokumentarfilm mit dem Titel "Gendernauts: Eine Reise in das Land der neuen Geschlechter" (1999) gewidmet.

Ester Martin Bergsmark gelingt es in "Something Must Break" diese Thematik auf äußerst differenzierte Weise darzustellen. Dies gelingt auch, da Saga Becker und Iggy Malmborg in den Rollen von Sebastian und Andreas ein echter Glücksfall sind. Ihre Figuren sind in jedem Augenblick ganz wahrhaftig und dort, wo ihre Worte versagen, kann man ihre feinen Gefühle und ihre inneren Konflikte an minimalen Veränderungen ihrer Mimik erkennen. Auch die Inszenierung besitzt eine Vielschichtigkeit und eine Kraft, die sich deutlich vom üblichen Arthouse-Mainstream absetzt. Immer wieder bricht Bergsmark den Bilderfluss mit ungewöhnlichen Ideen auf, die manchmal in den Bereich des Experimentalfilms hinüberreichen. Ein Beispiel ist eine extrem ästhetisierte Sequenz mit zwei nackten Männerkörpern, die zwischen wechselnden Standbildern und extremer Zeitlupe alterniert.

"Something Must Break" sprengt außerdem auch den engeren Rahmen seiner konkreten Thematik und wird zu einem Sinnbild für die Schwierigkeit einer echten Selbstfindung und Selbstverwirklichung, jenseits etablierter Schubladen. Der Film ist auch kein schlichtes Sozialpamphlet, dass die Gesellschaft für das Unglück des Individuums verantwortlich macht. Die gezeigten Barrieren auf dem Weg zum Glück sind äußert vielfältig. Sie existieren nicht nur in der Umgebung, sondern gerade auch im eigenen Inneren. Deshalb ist die Gesamtsituation so festgefahren. Doch an irgend einer Stelle muss man ansetzen, damit eine Änderung stattfinden kann: "Something Must Break".

Fazit: Das schwedische Drama um eine ungewöhnliche Liebe ist sehr intensiv und berührend und zeigt, wie schwer es in Wirklichkeit oft ist, sich selbst treu zu sein.





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