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Kritik: Auf das Leben! (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Eine alte Frau und ein junger Mann sind gerade dabei, am Leben zu verzweifeln, als sie sich kennenlernen. In einer ungewöhnlichen Freundschaft geben sie sich gegenseitig wieder Halt. Eine zarte Melancholie durchströmt dieses mit sparsamer Eleganz erzählte Drama, in dem Hannelore Elsner und Max Riemelt ein hervorragendes schauspielerisches Duo bilden. Die Produzentin Alice Brauner hat den von Uwe Janson inszenierten Film ihrer Mutter Maria Brauner gewidmet, deren Kindheitserinnerungen in die Biografie der Hauptfigur Ruth Weintraub eingeflossen sind.
Der Umzugslastwagen bei ihrer Zwangsräumung erinnert die alte Dame an die schlimmste Zeit in ihrem Leben, als die Nazis ihre Familie zur Erschießung abtransportierten. Ihre Mutter setzte die Tochter heimlich aus, um sie zu retten. Die bösen Bilder von damals rauben ihr den Schlaf und den Lebensmut. Wie aus dem Nichts holt Ruth aber auch die Erinnerung an ihre große Liebe ein: Der schweigsame Möbelpacker Jonas sieht dem Filmstudenten Victor, den sie Anfang der 1970er Jahre heiraten wollte, frappierend ähnlich. Jonas ist empfänglich für die Not der alten Frau, denn auch er befindet sich in einer Ausnahmesituation: Aus Angst vor seiner fortschreitenden Krankheit hat er alle Brücken hinter sich abgebrochen. Obwohl diese Themen und Motive nicht neu sind, hat man nie das störende Gefühl, das alles schon mal gesehen zu haben. Denn die Inszenierung wirkt authentisch, weil sie angenehm verhalten ist. Die Emotionen entfalten sich ganz beiläufig über Stimmungen. Jonas' Einsamkeit wird gespiegelt, wenn er sich, während Ruth in der Klinik ist, in ihrer Wohnung Victors Film aus den Siebzigern anschaut. Er vertieft sich in die Liebesgeschichte von Ruth und Victor, die in Rückblenden zu eigenem Leben erwacht. Sie wird begleitet von den mal wehmütigen, mal vibrierend fröhlichen jiddischen Liedern, die die Cabaret-Sängerin in einem Lokal singt. Sharon Brauner macht sich diese Doppelrolle als Sängerin und Darstellerin mit einer natürlich wirkenden Intensität zu eigen.
Dass die Geschichte trotz ihrer Emotionalität so gar nicht kitschig erscheint, ist vor allem auch Hannelore Elsner und Max Riemelt zu verdanken. Sie statten ihre Figuren auf unterschiedliche Weise mit Biss, Präsenz und der unbestechlichen Schärfe einsamer Menschen aus. Gleichzeitig registrieren Ruth und Jonas mit feinen Antennen, wie viel Gefühl sich in den Botschaften des anderen verbirgt. Diese anspruchsvollen Rollen sind wunderbar leicht gespielt, so dass der ganze Film auf zarte, verhaltene Weise beschwingt wirkt.

Fazit: Melancholie und Lebensfreude halten sich auf spannende Weise die Waage in diesem verhaltenen, elegant inszenierten Drama. Hannelore Elsner und Max Riemelt harmonieren beeindruckend in den Rollen zweier einsamer Menschen, die ein Altersunterschied von über 50 Jahren trennt.





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