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Das Fehlende Grau
Das Fehlende Grau
© Real Fiction

Kritik: Das Fehlende Grau (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Das fehlende Grau" ist das Kino-Debüt von Nadine Heinze und Marc Dietschreit, die seit 2005 als Drehbuchautoren und Regisseure zusammen an Kurz- und Langfilmen in Duisburg arbeiten. Seine Premiere erlebte das Werk im Herbst 2014 auf den Hofer Filmtagen. "Das fehlende Grau" ist ein stimmiges, bemerkenswertes Kino-Debüt, in dessen Zentrum eine zutiefst gestörte junge Frau steht. Als Zuschauer ist man - ebenso wie die Männer im Film - gefesselt vom entwaffnenden Charisma der Frau, die ganz genau weiß, auf was und wie Männer bei Frauen reagieren. In vier ineinander verwobenen Handlungsabläufen erzählt der Film aus dem Leben dieser Person, die ein selbstzerstörerisches Dasein führt, stets am Rande des emotional Erträglichen. Sie reißt (scheinbar) bewusst und mit voller Absicht alle Menschen um sich herum mit den Abgrund, bis klar wird: sie ist schwer krank.

Sina Ebell zeichnet mit ihrer zwischen aufreizend-lasziver Verführungskunst und zurückgezogener Schüchternheit changierenden Person das komplexe Bild einer gestörten, zerrissenen Persönlichkeit und Seele. Ohne Zweifel leidet die namenlose Frau, die in einer namenslosen Stadt lebt, an einer psychischen Störung, die Filmemacher vermeiden es jedoch, den Begriff des "Borderline-Syndroms" im Film zu nennen. Er fällt kein einziges Mal, dennoch deutet alles auf diese Erkrankung hin: die Sucht nach Beachtung und Nähe einerseits, die Unfähigkeit, menschliche Wärme und Liebe zuzulassen, andererseits. Eine Persönlichkeit zwischen den Extremen, nur Schwarz und Weiß existieren. Das Grau in der Mitte fehlt. Die Berlinerin Ebell spielt diese ambivalente Person zu jeder Zeit glaubwürdig, ihr Spiel wirkt nie aufgesetzt oder gar unfreiwillig komisch. Verwirrung löst zudem aus, dass die Regisseure dem Betrachter jegliche Information etwa über die Person, ihre Vorgeschichte oder Hintergründe der Erkrankung, verwehren. Eine bewusst erzeugte Verwirrung, die die Wirkung des Gezeigten nur noch verstärkt.

Besonders heftig sind jene Szenen geraten, die das volle Ausmaß der Störung deutlich machen: etwa, wenn sie immer wieder im Bad verschwindet, um sich Unmengen an Duschgel in den Mund zu schütten und zu schlucken oder wenn man als Zuschauer kurz nach der Bekanntschaft mit dem kleinen Mädchen kurzzeitig verwirrt ist und nicht weiß, ob hinter dem Interesse an dem Kind nicht auch sexuelle stehen. Bestürzung und auch Verwunderung lösen jene Momente aus, wenn sich die Frau ganz plötzlich wandelt: von der flirtwilligen, offenherzigen und sinnlichen Verführerin in ein verstörend boshaftes und die Gefühle der Männer zutiefst verletzendes Monster. An diesem Punkt hat der Zuschauer den Gehörten etwas voraus: sie wissen, dass diese Frau psychisch krank ist, den versetzten Männern hingegen bleibt lediglich der Ärger über das ambivalente, unerklärliche Verhalten der Frau, das sie fassungslos macht.

Fazit: Das intensive Drama "Das fehlende Grau" folgt einer psychisch kranken Frau auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die Clubs und Bars der Stadt. Ein starker Film, einerseits weil er eine unnötige Psychologisierung vermeidet, andererseits aufgrund der hervorragenden Hauptdarstellerin.




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