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Kritik: Zweite Chance (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

In diesem Drama der dänischen Regisseurin Susanne Bier geht es um hoch emotionale Themen: das Glück einer jungen Familie, das Unglück eines verwahrlosten Babys und die Wunde, die der plötzliche Kindstod den betroffenen Eltern zufügt. Am Beispiel zweier gegensätzlicher Familien – die eine vorbildlich, die andere kaputt – wirft die Geschichte, die Drehbuchautor Anders Thomas Jensen verfasste, schwerwiegende moralische Fragen auf: Sollte ein Kind, das in seiner Herkunftsfamilie leidet und womöglich sogar in Lebensgefahr schwebt, nicht von jemanden entführt werden dürfen, der ihm ein liebevolles Zuhause bieten kann? Das Gesetz sagt nein, das Gefühl hingegen tendiert zu ja. Was sich in der Theorie aber noch einigermaßen richtig anhört, bekommt als konkrete Tat noch einmal eine andere Färbung. Das muss der engagierte Polizist und Familienvater Andreas erkennen, der seiner Frau zuliebe in einer Kurzschlussreaktion sein totes Baby gegen den Säugling eines Drogenpärchens eintauscht.

Der Plot ist nicht ganz neu: 2014 lief auf diversen Filmfestivals das Drama "Everything We Loved" des Neuseeländers Max Currie, in dem ein Mann ebenfalls ein Kind entführte, um den Verlust des eigenen Sohns zu kompensieren und seine Ehe zu retten. "Zweite Chance" behandelt das Thema im Vergleich zu diesem Film ziemlich grobschlächtig. Als besonders störend fällt die krasse Schilderung der Verhältnisse in der Wohnung der Drogenabhängigen auf. Damit sollen Andreas allzu deutlich die Sympathien gesichert werden. Man wünscht dem leidtragenden Baby dringend eine andere Familie – aber ginge Andreas' Rechnung auf, würde ihm auch "das perfekte Verbrechen" gelingen, als das seine Frau die Entführung bezeichnet.

Die Geschichte nimmt dann mehr als einmal eine völlig überraschende Wendung, die nicht nur der Spannung dient. Vielmehr spiegelt sie den schrittweisen Erkenntnisprozess, den Andreas in seiner seelischen Ausnahmesituation durchläuft. Allerdings ergibt der Film aufgrund seiner relativen Distanz zu den Charakteren als Krimi mehr Sinn, denn als Psychodrama. Besonders gelungen ist die Nebenfigur des Kollegen Simon, der von Frau und Kind verlassen wurde und sich regelmäßig betrinkt. Zuerst muss sich der so viel glücklichere Andreas um ihn kümmern, aber dann merkt Simon, dass es bei seinem Freund auch nicht ganz rundläuft. Schon allein aufgrund der bedrückenden Themen geht von diesem Drama eine starke Wirkung aus, aber die holzschnittartige Gegenüberstellung von Gegensätzen und die von seinen Richtungswechseln erzeugte Unsicherheit schmälern seine Aussagekraft.

Fazit: Susanne Biers emotionales Drama über eine Säuglingsentführung verhandelt schwergewichtige moralische Fragen über Elternliebe und Kindeswohl. Überraschende Wendungen schüren die Spannung, aber die groben Milieuschilderungen und die Distanz zu den Figuren schränken die Glaubwürdigkeit ein.




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