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Kritik: Fucking Different XXY (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Aus den sieben Kurzdokus stechen Kay Garnellens "Transaction" und J. Jackie Bauers "Convincing Authenticity" durch ihre experimentelle Form heraus. Letztere nimmt Jacques Lacans Beschäftigung mit dem Phallus als Ausgangspunkt und geht dieser anhand einer Mischung aus fiktiver Noir-Ironie, Interview und einem Auftritt der Band Princessin Hans auf den Grund. Kay Garnellen weiß hingegen auf Nachfrage selbst nicht so genau, worum es in "Transaction" geht. Am ehesten lässt sich der Film als bunte Collage sexueller Fantasien fassen; die Jump-Cuts perfekt auf die dominante Tonspur und die Musik abgestimmt.

Die übrigen fünf Filme sind – zumindest formal gesehen – eher klassische dokumentarische Kost. Deren Inhalte reichen von Einblicken in die Leben transsexueller Erotikdarstellerinnen und Sexarbeiterinnen ("Julianna Lev", "Jesse", "Woman with a Past") über Erinnerungen an den legendären New Yorker Clit Club ("Grit & Grind") bis hin zu einem Gespräch über die Wahrnehmung des Körpers und den Weg zum eigenen Selbstverständnis ("Internal Body Shots").

Emotional berührt Mor Vitals Beitrag über einen Araber aus Jaffa, der von seiner Familie verstoßen seine Freiheit fortan als Julianna in Tel Aviv auslebt, am stärksten. "Julianna Lev – Arab, Israeli, Trangender, Porn-Star" erinnert jedoch sowohl inhaltlich als auch formal an Yariv Mozers "The Invisible Men". Wirklich Neues kann Vital dem Thema schon aufgrund der Kürze nicht abgewinnen.

Während Mor Vital berührt, befremdet Buck Angel. Sein Versuch, die Beziehungswünsche der titelgebenden Jesse zu beleuchten, stoßen übel auf. Der Regisseur liefert seine Protagonistin gnadenlos der Kamera aus, führt sie nahezu vor.

Erfrischend ist hingegen Gwen Haworths Kurzporträt der ehemaligen Sexarbeiterin und Poetin Antonette Rea, die mit viel Witz und (Selbst-)Ironie in grobkörnigen Aufnahmen den Zuschauer in "Woman With a Past" durchs kanadische Vancouver führt.
Nicht weniger energiegeladen ist "Grit & Grind". Obwohl kaum Archivmaterial zu sehen ist, lediglich die ehemaligen Protagonistinnen zu Wort kommen, schafft es der Film, die Veranstaltungen des Clit Clubs als längst verschwundenen Zufluchts- und Sehnsuchtsort lesbischer Kultur des Big Apple auf der Leinwand wieder auferstehen zu lassen.

Für die von Kristian Petersen begründete Reihe ist in diesem Jahr wohl Schluss. Das zumindest legen Petersens Aussagen bei der Berlinale nahe. "Zehn Jahre sind genug", sagte der Initiator, der mit den Arbeiten zum ersten "Fucking Different" 2004 begann. Nach Tel Aviv und Sao Paulo hätten jedoch bereits weitere Städte und Länder, darunter etwa Kuba und Kapstadt, Interesse angemeldet, das Format zu übernehmen.

Fazit: Formal äußerst durchwachsener, inhaltlich umso wichtigerer Beitrag, der zeigt, dass sich Menschen und ihre sexuelle Orientierung nicht in eine Norm pressen lassen.




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