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In meinem Kopf ein Universum
In meinem Kopf ein Universum
© MFA Film © Die FILMAgentinnen

Kritik: In meinem Kopf ein Universum (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Das polnische Drama von Regisseur und Drehbuchautor Maciej Pieprzyca basiert auf der Biografie eines jungen Mannes, der an zerebraler Kinderlähmung leidet. Erst im Alter von 26 Jahren konnte er zum ersten Mal mit seiner Umgebung in Dialog treten und zeigen, dass er geistig völlig normal ist. Im Abspann wird dieser Mann namens Przemek vorgestellt, der in einem Heim lebt und seine Sätze Wort für Wort mittels Augenzwinkern aus einer dargebotenen Mappe zusammenklaubt. Ein Off-Erzähler leiht dem erwachsenen Mateus im Film seine Stimme, damit er die Geschichte mit seinen Erinnerungen kommentiert.

In epischer Länge und ruhigem Tempo führt der Film zunächst in Mauteus' Kindheit im sozialistischen Polen ein. Die Mutter ist völlig alleingelassen mit ihrem geliebten Sohn, denn niemand stützt ihre Vermutung, dass er sehr wohl in der Lage ist, zu denken. Doch der Junge wartet vergeblich auf eine günstige Gelegenheit, sich der Mutter zu offenbaren. Als er rückwärts über den Boden robbt, um ihre vermisste Brosche unter dem Sofa hervorzuholen, wird er gestoppt, ohne dass jemand seine Absicht erkennt. Von zentraler Bedeutung ist für Mateus auch der Vater, ein einfacher Mann, der ihn vorbehaltlos akzeptiert.

Der in Kapitel unterteilte Film gibt auch dem sexuellen Erwachen des jungen Mannes den nötigen Raum. Obwohl seine Erfahrungen mit Frauen bruchstückhaft sind und zum Teil enttäuschend verlaufen, ist Mateus dankbar für jeden schönen Moment. Diese menschliche Größe korrespondiert mit einer differenzierten filmischen Haltung dem schweren Stoff gegenüber. Der nicht körperbehinderte Schauspieler Dawid Ogrodnik stellt die spastische Lähmung unbeschönigt dar und arbeitet das Dilemma seines Charakters, sich lange nicht oder nur wenig - etwa durch ein seltenes Lächeln – ausdrücken zu können, beeindruckend heraus.

Das bedächtige, sorgfältige Drama wirkt nicht traurig, vielmehr gelingt es ihm, den Hauptcharakter als sozial zugewandt und sehr reflektiert zu porträtieren. So entwickelt sich eine tröstliche Atmosphäre, die einen tiefer in die Geschichte hineinzieht. Zugleich fängt der Film auch sehr authentisch die Stimmung in Polen vor und nach dem Ende des Kommunismus ein. Die emotionale Wärme zuhause und das nachbarschaftliche Miteinander gehören ebenso dazu wie die zum Teil brutale Sprache, mit der die hilfesuchende Mutter so lange abserviert wird. Der authentische Eindruck wird auch dadurch erhöht, dass viele Szenen in einer Behinderteneinrichtung gedreht wurden, deren Bewohner mitspielen. Mateus' ironische Off-Kommentare wirken manchmal etwas übertrieben abgeklärt, aber seine innere Distanz drückt auch Vergebung aus - für die lange Unwissenheit der anderen und die Schmerzen, die sie ihm verursacht hat.

Fazit: Das tief berührende und hervorragend gespielte Drama basiert auf der wahren Geschichte eines polnischen Mannes mit Zerebralparese, dem es erst im Alter von 26 Jahren gelang, sich anderen Menschen mitzuteilen.





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