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Eine neue Freundin
Eine neue Freundin
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Eine neue Freundin (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

François Ozons bisheriges Oeuvre gleicht einer Wundertüte. Seinem Debüt "Sitcom" (1998) hat der Regisseur weitere 14 abendfüllende Spielfilme folgen lassen. Von der mörderischen Amour fou mit märchenhaften Zügen ("Ein kriminelles Paar") über die Verfilmung eines Theaterstücks von Rainer Werner Fassbinder ("Tropfen auf heiße Steine") bis hin zum Krimi-Musical ("8 Frauen") oder zum fantastischen Sozialrealismus ("Ricky – Wunder geschehen") ist alles darunter. Mit feinem Strich gezeichnete Dramen wechseln sich mit dick aufgetragenen Farcen ab. Gern mischt Ozon die Stile, Realitäts- und Erzählebenen. Die einzige Konstante scheinen starke Frauenfiguren zu sein.

"Eine neue Freundin" ist ein bisschen von alledem. Das leichtfüßige Drama driftet immer wieder ins Komödiantische ab, kippt jedoch nie zur Gänze. Das fängt schon beim Vorspann an. Unter die Titel mischen sich Hochglanzaufnahmen. Darin zeigt Ozon im Detail, wie eine Frau sich Lippenstift, Rouge und Wimperntusche aufträgt, Ohrringe anlegt und das Strumpfband unter ihrem Hochzeitskleid zurechtzieht. Erst als ihr eine Hand die Augen schließt, wird der Zuschauer gewahr, dass sich die schöne Blonde weder selbst angekleidet hat noch am Leben ist. Als sich der weiße Sargdeckel über ihr schließt, beginnt Ozons Film. David (Romain Duris) trägt seine Braut Laura (Isid Le Besco) zu Grabe und mit ihr auch einen Teil seines alten Selbst.

Dieses Spiel mit der Erwartungshaltung der Zuschauer und deren anschließender Bruch, diese Verschränkung von Leben, Lust und Tod dominieren auch die restlichen Minuten. Meisterhaft inszenierte Miniaturen stehen neben Trivialem. Ozon scheut die Fallhöhe nicht. Virtuos verdichtet ist etwa die knappe Exposition des Films, die auf den Vorspann folgt. Darin gelingt es dem Regisseur, die mehr als ein Jahrzehnt umfassende Freundschaft zwischen Claire (Anaïs Demoustier) und Laura in gut zehn Minuten zu umreißen, ohne viele Worte zu verschwenden.

Im Mittelpunkt stehen auch dieses Mal starke Frauenfiguren. Da ist David, der in Lauras Kleidern zu Virginia wird. Ozon inszeniert dessen Kampf um Anerkennung als Tod seiner männlichen und Wiedergeburt in seiner weiblichen Seite. Und da ist das Mauerblümchen Claire, das erst durch ihre Freundschaft zu Virginia richtig erblüht, und wie David Stück für Stück ihre wahre Sexualität entdeckt.

Die Wahl der Hauptdarsteller ist ein Segen. Romain Duris brilliert als zerbrechliche Seele in Frauenkleidern. Das Zusammenspiel mit Anaïs Demoustier rettet den Film über manch überhöhte Trivialität hinweg. Wenn etwa Claire und Virginia in einer Bar einem Transvestiten auf der Bühne lauschen oder Claire David nach einem Unfall im Krankenhausbett in Virginia verwandelt, wandelt Ozon auf einem äußerst schmalen Grat zwischen berührender Liebesgeschichte und Gefühlskitsch. Dank seiner beiden Hauptdarsteller stürzt er nicht ab. Von vergleichbaren Werken wie etwa Xavier Dolans "Laurence Anyways" ist "Eine neue Freundin" dennoch ein gutes Stück entfernt.

Fazit: Leichtfüßiges Drama um Trauerarbeit und Sexualität. Regisseur François Ozon wandelt erneut auf einem schmalen Grat zwischen emotionaler Tiefe und oberflächlichem Kitsch. Dank zweier überzeugender Hauptdarsteller stürzt der Film nicht ab.




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