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Kritik: Der Bau (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Kafkas Der Bau" ist das Spielfilmdebüt von Jochen Alexander Freydank, der 2009 einen Oscar für seinen Kurzfilm "Spielzeugland" erhielt. Wie der Titel bereits unmissverständlich klarmacht, basiert "Der Bau" auf einer Erzählung Kafkas. Jene blieb allerdings unvollendet bzw. ist dessen Ende verschollen. Bei Kafka ist "der Bau" auch keine Metapher für menschliches Cocooning, sondern der tatsächliche Bau eines Maulwurfs oder Dachses. So genau kann dies nicht gesagt werden, da Kafkas Geschichte aus der Ich-Perspektive heraus erzählt wird. Deshalb kann der dort beständig erweiterte Bau auch eine reine Fantasievorstellung dieses Ich-Erzählers sein. Allgemein geht es bei Kafka entweder um einen in seinen eigenen Vorstellungen gefangenen Ich-Erzähler oder um dessen Ausgeliefertsein an eine undurchschaubare äußere Ordnung.

Ein Grundproblem von Freydanks Adaption ist es, dass sich der Filmemacher nicht so recht entscheiden mag, ob er jetzt einen paranoiden Protagonisten oder eine sich am Abgrund befindliche Gesellschaft zeigen will. Recht schnell ist deutlich, dass mit Franz etwas ganz entschieden nicht stimmt. Zugleich sind Figuren, wie genussvoll wehrlose Obdachlose zusammenschlagende Sicherheitsmänner, sichere Anzeichen dafür, dass es auch um die Franz umgebenden Menschen nicht zum Besten steht. Ein weiteres Problem des Films besteht darin, dass Freydank zu Beginn auf einen starken Naturalismus setzt, bei dem sich einzelne bizarre Details als eindeutige Misstöne innerhalb des vermeintlichen Idylls absetzen. Zugleich lässt der Regisseur jedoch Alex Prahl beständig Kafkas Originaltext flüsternd rezitieren, während dessen Figur Franz mit seiner Kamera herumläuft. Dies erzeugt eine Theatralik, die in diesem Film schlicht unpassend ist und die den Zuschauer immer wieder unnötig aus der Handlung herausreißt.

Stark ist "Kafkas Der Bau" immer dann, wenn Freydank seine präzise stilisierten Bilder sprechen lässt: Das Rot des "Baus" als einziger satter Farbton inmitten stark farbentsättigter Bilder. Das Wühlen dreckiger Gestalten im unter Wasser stehenden Keller des Gebäudes im Kontrast zu Franz’ kalt-steriler Designerwohnung. Modernste Gebäudetechnik und im Schmutz lebende Penner. Rational-minimalistische Architektur und schräge Winkel und düstere Räume wie im deutschen Expressionismus der Stummfilmzeit. Hätte Freydank mehr auf die in solchen Bildern liegenden Rätselhaftigkeit vertraut und seine Geschichte mehr auf seinen Protagonisten konzentriert, hätte dieser Film ein großer Wurf werden können. So bleibt ein zwar visuell streckenweise beeindruckender, aber inhaltlich ein wenig unausgegorener surrealer Psychothriller.

Fazit: Überambitioniert und ein wenig diffus bleibt "Kafkas Der Bau" insbesondere aufgrund seiner starken, geheimnisvoll-düsteren Bilder in Erinnerung.





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