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Willkommen auf Deutsch (2014)

Dokumentarfilm über die konkreten Probleme der Asylpolitik am Beispiel des niedersächsischen Landkreises Harburg.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.0 / 5

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Weltweit sind 51 Millionen Menschen auf der Flucht und auch in Deutschland steigt die Zahl der Asylbewerber. Im niedersächsischen Landkreis Harburg wohnen Ende 2013 bereits 600 Asylbewerber, nun müssen weitere 500 untergebracht werden, obwohl die Landkreisverwaltung darauf nicht vorbereitet ist. Der zuständige Fachbereichsleiter, Reiner Kaminski, sucht händeringend nach geeigneten Wohnobjekten. In dem 400-Seelen-Dorf Appel zum Beispiel gibt es ein leerstehendes Alten- und Pflegeheim, in das 53 Asylbewerber einziehen könnten. Aber dagegen läuft eine Bürgerinitiative Sturm.
In der 4.100 Einwohner zählenden Gemeinde Tespe ziehen in ein ehemaliges Sparkassengebäude einige Frauen aus Somalia und ein Ehepaar aus Pakistan ein. Im oberen Stock wohnt seit einigen Monaten eine siebenköpfige tschetschenische Familie. Die Mutter und die 21-jährige älteste Tochter müssen sich aufgrund der psychischen Belastung, die auch aus der Gefahr der drohenden Abschiebung nach Polen erwächst, in klinische Behandlung begeben. Eine Rentnerin kümmert sich unermüdlich um die Familie. Der Landkreis befasst sich in einem Arbeitskreis mit dem Aufbau einer "Willkommenskultur", die Bevölkerung in den betroffenen Gemeinden scheint hin- und hergerissen zwischen Ablehnung und Hilfsbereitschaft.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Der Dokumentarfilm von Carsten Rau und Hauke Wendler ist ein wichtiger Beitrag in einer Zeit, in der immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen und die Angst vor Überfremdung mancherorts Bürger auf die Straße treibt. Er zeigt nämlich am Beispiel des Landkreises Harburg ganz konkret auf, an welchen inneren Widersprüchen die Asylpolitik krankt. Einerseits steht über dem gesamten behördlichen Umgang mit den Neuankömmlingen das unsichtbare Schild "Integration unerwünscht". Andererseits bemühen sich die Kommunen hier und da dann doch, das Zusammenleben vor Ort zu fördern. Wo das gelingt, ist das Entsetzen dann groß, wenn die willkommen Geheißenen wieder abgeschoben werden.

Der Film, der sich in dem Dorf Appel, der Gemeinde Tespe und der Landkreisverwaltung fast ein Jahr lang umschaut, zeigt ausgesprochen unaufgeregt die verschiedenen Standpunkte und Problemfelder auf. Er verurteilt die Bürger des Dorfes Appel nicht, die sich massiv – und letztlich erfolgreich mit einer typisch deutschen bürokratischen Finte - gegen den geplanten Zuzug von 53 Asylbewerbern wehren. Vielmehr lässt er die Frage aufscheinen, warum überhaupt eine so große Zahl von Flüchtlingen in ein Dorf ziehen soll, in dem es noch nicht einmal einen Lebensmittelladen gibt. Schließlich finden ein paar Männer aus Albanien und aus Syrien in dem örtlichen Gasthof ein Quartier. Der Wirt erkennt, dass einige von ihnen eine schwierige Odyssee hinter sich haben und dringend moralische Unterstützung brauchen. Die Menschen, die in der ehemaligen Sparkasse in Tespe untergebracht sind, wären in dem beschaulichen Ort mit seinen Backsteingebäuden völlig isoliert, gäbe es dort nicht auch einzelne hilfsbereite Bürger, die auf sie zugehen. Und im Nachbarort hat die Kirche ein gut frequentiertes Begegnungscafé eingerichtet. Dass Familien nicht auseinandergerissen werden und sich manchmal eine unerwartete Lösung für Härtefälle findet, liegt nicht selten gerade am Engagement des örtlichen Umfelds.

Der beobachtende Film gewichtet die positiven, um Verständnis bemühten Stimmen, sowohl aus dem Kreis der Einheimischen, als auf Seiten der Neuankömmlinge, stärker. Aber dass die Hardliner und die in Vorurteilen, oder in Enttäuschung Gefangenen nicht häufiger zu Wort kommen, ist vielleicht gar kein Manko. Denn so sachlich und ruhig der Film auch wirkt, er hat durchaus eine Botschaft: Es gibt in Deutschland eine – wenn auch noch stark ausbaufähige - Willkommenskultur, und viele Flüchtlinge, die es hierher schaffen, sind hochmotiviert, sich so schnell wie möglich in diese Gesellschaft zu integrieren.

Fazit: Der Dokumentarfilm beobachtet in einem niedersächsischen Landkreis, wie konzeptlos und überfordert die Kommunen auf den Zustrom von Asylbewerbern reagieren. Anhand konkreter Beispiele aber zeigt er sachlich und gleichzeitig ermutigend auf, dass die Idee einer Willkommenskultur notwendig und machbar ist.




FBW-BewertungJurybegründung anzeigen

FBW: besonders wertvollZwei kleine Gemeinden im nördlichen Niedersachsen stehen im Mittelpunkt dieser Dokumentation über die brisante Thematik Deutschland als Asylland für Flüchtlinge aus aller Welt. Beide Dörfer, Appel und Tespe, liegen im Landkreis Harburg, stehen aber [...mehr]

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Filminfos & CreditsAlles anzeigen

Land: Deutschland
Jahr: 2014
Genre: Dokumentation
Länge: 90 Minuten
Kinostart: 12.03.2015
Regie: Carsten Rau, Hauke Wendler
Verleih: Brown Sugar Films

ZusatzinformationAlles anzeigen

Die Dokumentarfilmer Carsten Rau und Hauke Wendler beschäftigen sich seit zehn Jahren mit dem Thema Flucht und Migration. Nach ihrem vielfach preisgekrönten Dokumentarfilm "Wadim" (2011) über ein [...mehr] dramatisches Flüchtlingsschicksal, entstand die Idee einen wichtigen Schritt weiter zu gehen: In ihrem neuen Film hinterfragen sie, wie es zu einem nachhaltigen Wandel in der Flüchtlingspolitik kommen kann und wie eine Willkommenskultur gestaltet werden sollte. So entstand "Willkommen auf Deutsch", ein vielschichtiger, mutmachender Film, der alle Seiten zu Wort kommen lässt. Denn letztlich entscheidet sich in den Köpfen der Bürger, ob Deutschland bereit ist, Not leidenden Menschen Schutz und Zuflucht zu gewähren – oder nicht. "Willkommen auf Deutsch" wurde von der Bundeszentrale für Politische Bildung für das Programm "DOK macht Schule” ausgewählt.

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