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Kritik: Diary of a Chambermaid (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Was ist eher da - die Henne oder das Ei? Ist es das Wesen des Zimmermädchens Celestine (Léa Seydoux) - ihre selbstbewusste, nahezu arrogante Art und Weise - die ihre Arbeitgeberinnen animieren, sie ihres Platzes in der sozialen Hierarchie bewusst zu machen, indem sie sie besonders demütigen? Oder sind es die Demütigungen, die in Celestine erst einen Widerstandsgeist erwachen lassen?

Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Klar ist, dass die junge Frau zu Beginn des Films nicht begeistert ist, von ihrer Pariser Agentur zu einem älteren Paar in die Provence geschickt zu werden, um dort gemeinsam mit einem Gärtner und einer Köchin das Anwesen in Schuss zu halten und auf das Klingeln eines Glöckchens sofort für die Hausherrin parat zu stehen. Schnell entwickelt sich ein unterschwelliger Machtkampf zwischen Celestine, Madame Lanlaire, ihrem lüsternen Gatten und dem schroffen, undurchschaubaren Gärtner Joseph, während in Rückblenden die tragische Lebensgeschichte Celestines schlaglichtartig aufgeblättert wird.

Dies ist die dritte große Verfilmung des gleichnamigen Romans von Octave Mirbeau aus dem Jahr 1900. Regisseur und Drehbuchautor Benoit Jacquot ("Leb wohl, meine Königin", ebenfalls mit Lea Seydoux) tritt in große Fußstapfen: Sowohl Jean Renoir als auch Luis Bunuel haben bereits 1946 und 1964 Adaptionen vorgelegt. Die Geschichte ist wohl mit "Sittengemälde" gut umschrieben. Mirbeau hob zur Jahrhundertwende den Vorhang, um die Leser auf die Schwächen und Heucheleien der oberen Schichten blicken zu lassen - durch die unteren Schicht, stellvertretend durch eine Kammerzofe.

Benoit legt in seiner Version das Augenmerk besonders auf die sexuelle Seite: Während die Kammerzofen und Bediensteten oft in ihren besten Jahren nur funktionieren dürfen, aber ihre Gelüste unterdrücken müssen, werden sie von den männlichen Herrschaften, die in freudlosen Ehen mit frustrierten Gattinnen stecken, zur Triebabfuhr missbraucht: Ungewollte Schwangerschaften, Abtreibungen, Kindstötungen, Entlassungen sind ein nicht enden wollendes Karussel, auf dem auch Celestine sitzt.

Dem Film gelingt es überzeugend, diesen tragischen sozialen Aspekt zu vermitteln. Lea Seydoux ist dabei eine vorzügliche Wahl als Hauptdarstellerin: Sie wirkt sexuell herausfordernd, berechnend, zugleich aber auch verletzlich und durch tragische und traumatisierende Geschehnisse in ihrem Leben als orientierungslos erkaltet. Auch die anderen Darsteller bringen überzeugende Leistungen, wobei manche Charaktere schon am Rande der Karikatur entlangschrammen.

Doch der Film wirkt seltsam zerfasert. Dafür dass er bereits mit den ersten Tönen der Filmmusik, die ein besonders tragisch endendes Drama andeuten, beginnt, löst er nie das Versprechen auf eine sich zuspitzende Handlung ein, sondern endet abrupt in einer möglicherweise ironischen Wendung, die den Betrachter einigermaßen ratlos zurücklässt. Was will uns der Künstler damit sagen? Dass Frauen an ihrem Unglück doch selbst schuld sind, weil sie sich im Zweifelsfall lieber einem Mann unterwerfen, als weibliche Solidarität zu leben? Ein schaler Nachgeschmack bleibt.

Der nicht übermäßig lange Streifen wirkt länger, weil er ab dem zweiten Drittel mit seinen Rückblenden und Gegenwartshandlung auf der Stelle zu treten scheint und dabei mindestens zwei Handlungsstränge seltsam unterentwickelt lässt: Der Antisemitismus des Gärtners - der noch aus dem Skandal der Dreyfuß-Affäre in Frankreich rührt, die während des Entstehens des Romans tobte - und der Mord an einem Mädchen im Wald, das offenbar schwer geschändet worden ist. Auch wird nicht klar, warum sich Celestine mit einmal so zu dem Gärtner hingezogen fühlt.

"Journal d'une femme de chambre" ist als Ganzes weniger als die Summe seiner Teile. Die guten Darsteller und die in Teilen sehr sichere Regie setzen die Tragik und auch manches Groteske in eine angespannte und unheilschwangere Atmosphäre um. Aber das Drehbuch bleibt ziellos und bruchstückhaft - um dann einfach mit einer unerwarteten Botschaft abrupt abzureißen. Das mag dem Roman entsprechen, doch hier wirkt es unverbunden mit dem bis dahin Geschehenen.





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