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Kritik: Rot und Blau (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Als zentraler filmischer Schauplatz wird die Schule häufig in zwei sehr unterschiedlichen Genres genutzt. Zum einen in der Komödie – sei es in "Die Feuerzangenbowle" (1944), in der "Lümmel"-Reihe (1967 bis 1972), in "Fack ju Göhte" (2013) oder in der großen Anzahl von US-Highschool-Comedys –, zum anderen im Melodram, etwa in "Dangerous Minds" (1995), "Die Kinder des Monsieur Mathieu" (2004) oder "Freedom Writers" (2007). All diese Werke haben die Möglichkeit, auf Missstände im Bildungssystem aufmerksam zu machen (mal durch komische Übertreibung, mal durch dramatische Verdichtung real existierender Probleme) – und dabei sowohl zu unterhalten als auch eine Botschaft zu vermitteln. Bei der komödiantischen Herangehensweise besteht stets die Gefahr, dass zu viel Alberei diese Möglichkeit zunichtemacht, wohingegen bei der melodramatischen Erzählweise plakative Bilder und kitschige Worte jedwede gute Intention zerstören können.

In "Rot und Blau" – der Adaption des Marco-Lodoli-Romans "Il rosso e il blu" – kombiniert der Regisseur und Ko-Drehbuchautor Giuseppe Piccioni Witz und Ernsthaftigkeit in der Darstellung des Alltags von Lehrer_innen und Schüler_innen. Und es gelingt dem italienischen Filmemacher ganz hervorragend, alle potenziellen Fehler souverän zu vermeiden und sein Publikum mit leisem Humor sowie mit latenter, niemals ausbeuterisch inszenierter Tragik gefangen zu nehmen. Sein Werk vermag an etlichen Stellen zu erheitern, ohne sich über die handelnden Figuren lustig zu machen; es vermag optimistisch zu stimmen, ohne im Endeffekt zum wirklichkeitsfernen feel good movie zu verkommen – und es rührt in zahlreichen Momenten an, muss hierfür jedoch zu keiner Sekunde auf unechtes Pathos zurückgreifen. Die Umsetzung zeugt von Fingerspitzengefühl – sowie von gestalterischer Fertigkeit, nicht zuletzt in den surreal anmutenden Passagen, die Piccioni gekonnt einstreut.

Der multiperspektivisch erzählte Film lebt von seinen facettenreichen Figuren, die das Schauspielensemble mit Courage zur Ambivalenz interpretiert. Die Lehrerschaft wird von Riccardo Scamarcio, Margherita Buy und Roberto Herlitzka mit Würde verkörpert – und auch die Parts der jungen Leute sind ansprechend besetzt. Neben Silvia D'Amico als Rebellin weiß insbesondere Ionut Paun als fleißiger Schüler zu beeindrucken, der in eine originell verlaufende amour fou hineingerät.

Fazit: Giuseppe Piccioni liefert ein tragikomisches Schulporträt mit interessanten Konflikten und Figuren. Die Inszenierung und das Schauspiel haben Klasse.




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