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Judgment - Grenze der Hoffnung
Judgment - Grenze der Hoffnung
© farbfilm verleih

Kritik: Judgment - Grenze der Hoffnung (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das von Stephan Komandarev inszenierte Drama einer Vater-Sohn-Beziehung spielt im heutigen Bulgarien. Die Menschen in Mityos Dorf wirken angesichts von Arbeitslosigkeit und Landflucht ziemlich resigniert. Mit der Hauptfigur, einem ehemaligen Grenzsoldaten, wird auch ein dunkles Kapitel aus der kommunistischen Ära aufgeschlagen: Entlang der Grenze zur Türkei verlief der Eiserne Vorhang und Menschen aus verschiedenen Ländern des Ostblocks kamen hierher, um über die Berge zu fliehen. Manche wurden dabei von bulgarischen Soldaten erschossen. Paradoxerweise wird dieselbe Grenze inzwischen, weil es die veränderte politische Lage so will, vor illegalen EU-Einwanderern geschützt. Diese verblüffende Umkehrung verleiht dem Film eine besondere Brisanz, gerade weil sie kein fiktiver Drehbucheinfall ist.

Viele Menschen aus der Region sind zum Arbeiten in ein anderes EU-Land gegangen. Maria (Ina Nikolova), die neue Schülerin in Vaskos Klasse, hat ihre Mutter seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Mityo aber will das zweistöckige Haus im Dorf nicht aufgeben, nur weil er jetzt arbeitslos ist. Die Einsätze als Schleuser erscheinen ihm als die einzige Möglichkeit, genug Geld zu verdienen, um die Pfändung des Hauses zu verhindern. Die wirtschaftliche Not ist aber nicht das einzige Problem der Menschen hier. Manche von ihnen haben sich auch noch nicht ihrer eigenen Rolle im Kommunismus auseinandergesetzt. Der Kapitan kehrt den Zynismus und die Gefühlskälte, die er als kommunistischer Armee-Kommandant pflegte, nun gegen die Flüchtlinge, denen er ins Land hilft. Sie machen ihn reich, aber er nennt sie "Abschaum". Rassismus und Chauvinismus sind offenbar im heutigen Bulgarien nicht ganz unbekannt.

Der Film behandelt all diese Themen mit einem unbestechlichen Blick für die Realität. Zu diesem Ernst passen auch die langen, ruhigen Einstellungen, die imposanten Landschaftsaufnahmen mit den wolkenverhangenen Bergen, die Stille im Dorf, die melancholische Musik. Der Vater-Sohn-Konflikt zieht sich durch den ganzen Film, weil Vasko immer wieder einen echten oder vermeintlichen Grund findet, an Mityo zu zweifeln. Dazwischen gibt es aber auch innige, versöhnliche Momente. Beide Männer bekommen auch ein wenig Romantik zugestanden, Vasko mit Maria und Mityo mit einer Nachbarin. Ovanes Torosian spielt Vasko als düster-charismatische Figur, während Assen Blatechki als Mityo manchmal zu geduldig, zu bemüht, zu positiv sein muss, weil dieser Charakter ziemlich idealtypisch und dabei etwas zu simpel angelegt ist. Dennoch überzeugt der Film mit seiner intensiven Atmosphäre und seinem Bemühen um Aufarbeitung bulgarischer Zeitgeschichte.

Fazit: Am Beispiel einer konfliktreichen Vater-Sohn-Beziehung arbeitet dieses überzeugende, atmosphärisch dichte Drama ein dunkles Kapitel aus der kommunistischen Ära Bulgariens auf und zeichnet gleichzeitig ein realitätsnahes Bild der schwierigen Gegenwartslage des Landes.




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