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Kritik: Szenario (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Was ist Inszenierung und was dokumentierte Realität? Diese Frage stellt sich im Dokumentarfilm "Szenario" von Karsten Krause und Philip Widmann immer wieder und wird doch nie ganz eindeutig beantwortet. Fakt ist jedoch, dass ihr irritierender Film auf dem tatsächlichen Fund eines Aktenkoffers beruht, der bereits für einige Aufmerksamkeit gesorgt hat. Das ist vor allem den beiden Galeristen Siegfried Sander und Susanne Zander zu verdanken, die das merkwürdige Fundstück entdeckten und die darin enthaltenen privaten Dokumente einer Liebesaffäre im Museum ausstellten und sie somit zu Kunst erklärten.

Der Koffer sowie die darin befindlichen Unterlagen und Objekte werden auch in "Szenario" ausführlich gezeigt, während die mit pedantischer Genauigkeit verfassten Protokolle über den Geschlechtsverkehr und die geheimen Treffen der beiden Liebenden aus dem Off vorgetragen werden. Dabei bedienen die Filmemacher keinen lüsterne Voyeurismus, sondern gewinnen durch verschiedene Strategien eine wohltuende Distanz zu ihrem Sujet. Einerseits betonen Krause und Widmann die Gemachtheit ihres Films, sie zeigen etwa gleich zu Beginn die Schauspielerin, die die befremdlichen Protokolle vorliest, oder lassen eine nachgespielte Szene mit einem gerufenen "Schnitt!" auf der Tonspur enden.

Zum anderen wird der Blick auf das individuelle Intimleben der Protagonisten Hans und Monika durch statistische Kommentare kontrastiert, die Auskunft darüber geben, wie durchschnittliche Menschen im Jahr 1970 in der Bundesrepublik Deutschland gelebt haben. Das Private wird so Ausgangspunkt für gesellschaftliche Betrachtungen, die eine Vielfalt von Themen berühren. Mit "Szenario" lässt sich ebenso über Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau, die Beziehung von Dichtung und Wahrheit wie über Privatheit und Selbstinszenierungen nachdenken. Dabei überrascht der mit sprödem Charme in Szene gesetzte Dokumentarfilm immer wieder mit trockenem Humor und einer bewegenden Geschichte.

Fazit: Ausgesprochen nüchtern betrachten die Regisseure Karsten Krause und Philip Widmann in ihrem Dokumentarfilm eine intime Liebesaffäre. Statt ihr Sujet sensationalistisch aufzubereiten, blicken die Filmemacher dabei mit wohltuender Distanz auf ihre Protagonisten und schaffen es so, den Blick für ein faszinierendes Gesellschaftsporträt zu öffnen.





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