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Paris des Nordens
Paris des Nordens
© Arizona Films

Kritik: Paris des Nordens (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Trockener skandinavischer Humor, melancholischer Realismus und eine gute Prise Selbstironie kennzeichnen diese Männergeschichte aus Island. Regisseur Hafsteinn Gunnar Sigurdsson schildert das Dilemma seiner Charaktere mit ihrem Selbstbild des einsamen Wolfes: Sie neigen zu Selbstmitleid. So verschieden der Mittdreißiger Hugi und sein Vater auch sind, sie haben sich beide auf ihre Weise in Lebenslügen verheddert. Hugi leckt nach einer zerbrochenen Beziehung in der Einöde seine Wunden und droht dort zu versauern, der alte Veigar hat der Sonne Thailands den Rücken gekehrt und sehnt sich nun vergeblich nach der Geborgenheit eines eigenen Heims. Soll ein Mann eine Familie gründen oder lieber dem Ruf der Ferne folgen? Soll er Gefühle oder Härte zeigen? Während sich Hugi und Veigar an solchen Gegensätzen abarbeiten, holen sie eine lange versäumte Beziehung nach.
Das glaubhaft zwischen Schwermut und Komik, nordischer Tristesse und ausgeschlafenem Unernst eingependelte Drama gehört zum Programm des Tourneefestivals "Nordlichter 2015 – Neues skandinavisches Kino". Die deutsche Agentur Kulturprojektor stellt dem Kinopublikum je ein Werk aus Island, Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark vor, das auf den Nordischen Filmtagen Lübeck 2013 oder 2014 lief, aber keinen regulären Filmverleih fand. Der isländische Beitrag schildert eine Gegenwart, in der sympathische Charaktere einen heldenhaft-lustigen Kampf gegen das tägliche Grau führen.
Sobald Hugis Vater aufgetaucht ist, übernimmt er schon die Zügel im Alltag seines Sohnes: Er drängt ihm den Bau einer Terrasse vor dem Haus auf, hält ihm sein mickriges Sexualleben vor und bandelt dann auch noch mit der Frau an, die sich gerade von Hugi getrennt hat. Hugi muss sich trotzdem um den Vater kümmern, denn seine Gesundheit ist nicht mehr die beste. Um zu erleben, was es heißt, ein Mann zu sein, kann für einen Sohn die Auseinandersetzung mit dem Vater, selbst wenn dieser eine wandelnde Enttäuschung ist, ganz hilfreich sein. Auch Hugi stößt als Ersatzvater einen Jungen vor den Kopf – und dennoch ist gerade die Beziehung zu Albert voller berührender und wahrhaftiger Momente. Die AA-Gruppe erweist sich als verlässlicher Quell der Komik: Weil sich die Männer draußen permanent über den Weg laufen, wird das Prinzip der Anonymität komplett ad absurdum geführt.
Die trockenen Dialoge und der unterkühlte isländische Sommer mit seinen von Schneeresten bedeckten Bergen erzeugen eine eigentümliche Stimmung. Obwohl das langweilige, gottverlassene Kaff vordergründig so sehr an Resignation und Seelenpein appelliert, durchzieht den Film ein starker unterschwelliger Strom guter Laune. Das durchwachsene Lebensgefühl seiner Protagonisten entwickelt in dieser realitätsnahen, frischen Geschichte einen beachtlichen Unterhaltungswert.

Fazit: Der isländische Film über eine verkorkste Vater-Sohn-Beziehung, männliche Rollenbilder und Lebenslügen unterhält mit frischem Realismus und köstlich trockenem Humor.





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