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Das Zimmermädchen Lynn
Das Zimmermädchen Lynn
© Movienet

Kritik: Das Zimmermädchen Lynn (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das stille Drama von Regisseur und Drehbuchautor Ingo Haeb basiert auf dem Roman "Das Zimmermädchen" von Markus Orths. Es handelt sich um eine persönliche Entwicklungsgeschichte, die mal versponnen und mal luzide aussieht, trist und dann wieder gewitzt. Das Callgirl Chiara bezeichnet Lynn als verrückt, und diese gibt ihr sofort recht. Aber als Lynn nachfragt, ob das gut sei, antwortet Chiara, "sehr gut". Was Lynn nun genau fehlt, lässt der Film offen: Sie war in der Psychiatrie, besucht einen Therapeuten, hat einen ziemlich zwanghaften Lebenswandel, bei dem sich alles um Ordnung und Sauberkeit dreht. Auf der anderen Seite gibt es dieses geheime Spiel mit dem Verbotenen, das Anprobieren der Sachen der Hotelgäste, das Warten unter ihrem Bett. Haeb findet für die zurückgenommene, aber auch herrlich schräge Geschichte einen visuellen Stil, der ihr auf spannende Weise entspricht.

Lynn ist ein braves Mädchen, das sich so benimmt, wie seine Mutter (Christine Schorn) das möchte. Also lautet ihre Devise, "Nur weil man den Staub nicht sieht, heißt es nicht, dass er nicht da ist". Im Hotel putzt sie sogar die leeren Zimmer. Lynn bändigt ihre Locken mit Spangen und einem Haarband und sieht dabei aus wie eine Frau aus der Werbung der 1950er Jahre: immer adrett, sauber, praktisch veranlagt und vollkommen problemlos. So gibt sie sich auch gerne dem Therapeuten gegenüber, der im Film unsichtbar bleibt. Vicky Krieps spielt diese schillernde Person, die so sehr zwischen Perfektionismus und Ausbruchsversuchen schwankt, facettenreich und dabei ergreifend lebendig. Wunderbar sind auch die intimen Begegnungen mit Chiara, die Lynn helfen, aus sich herauszugehen. Wohl zum ersten Mal erlebt sie eine Beziehung, in der sie sich ausprobieren kann und nicht einfach nur entsprechen will.

Das Kammerspiel, das sich hauptsächlich auf Innenräume beschränkt, ist auch ein Farbexperiment, dessen entrückte Künstlichkeit ein wenig an Aki Kaurismäki erinnert. In Lynns Universum ist alles in ein sonnig-warmes Licht getaucht, wodurch die Objekte aussehen, als wären sie einer bunten, naiven Puppenstube entliehen, in der Frohsinn gespielt wird. Lynn bevorzugt das kühle Blau, bevor sie den Reiz der Komplementärfarbe entdeckt. So wie wir die Dinge betrachten, so wirken sie auf uns zurück, und wenn Lynn schon in einer Puppenstube lebt, dann soll sie auch von kindlicher Neugier profitieren. Dieser stark gespielte, stilistisch beglückende Film hat, auch dank der Romanvorlage, wirklich Ideen, die aus dem Rahmen fallen und sich zu einer spannenden Kinounterhaltung vereinigen.

Fazit: Dieses originelle Kammerspiel-Drama erzählt die schräge Geschichte einer auf Sauberkeit fixierten jungen Frau, die zwischen Alltagstristesse und gewitzter Lust am Ausbruch schwankt. Der Ideenreichtum, die stark gespielte Hauptrolle und der an der Ausdruckskraft der Farben orientierte visuelle Stil machen den Film zu einem besonderen Erlebnis.




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