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Poeten des Tanzes - Die Sacharoffs
Poeten des Tanzes - Die Sacharoffs
© Movienet

Kritik: Poeten des Tanzes - Die Sacharoffs (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

So unterschiedlich Tanz und Film auch sein mögen, sie kreisen um denselben Kern: (Körper in) Bewegung. Um einen Tanz zu dokumentieren und für die Nachwelt festzuhalten, scheint der Film das perfekte Medium. Das stellt "Poeten des Tanzes" vor ein grundlegendes Problem und liefert gleichzeitig eine mögliche Erklärung, warum seine Protagonisten nach dem Ende ihrer Karriere so schnell in Vergessenheit gerieten: Von Alexander und Clotilde Sacharoff gibt es kaum Filmaufnahmen. Doch wie sich zwei Künstlern nähern, wie dem Publikum die Faszination ihrer Tänze vermitteln, wenn das vorhandene Archivmaterial den Kern ihrer Kunstform nicht trifft?

Sicherlich: Das bewegte Leben der Sacharoffs reichte auch ohne bewegte Bilder ihrer Tänze für einen Dokumentarfilm aus. Da sind Alexanders offene Homosexualität und seine Bühnenpersona, die durch ihre Körperlichkeit und Androgynität wiederholt zum Skandalon wird. Da ist die Nähe des Paars zu anderen bedeutenden Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts. Da sind die Wirren zweier Weltkriege und die Verfolgung im Nationalsozialismus, die den Juden Alexander und seine Frau wiederholt zur Flucht nötigen. Und da ist die Verbindung der beiden Tänzer, die Zweckehe und keine Liebesheirat ist, um im prüden Amerika ungehindert auf Tournee gehen zu können.

Doch so bewegt und bewegend die stilvoll ausgeleuchteten und vor der Kamera drapierten Zeitzeugen und Experten auch über die Sacharoffs referieren mögen, Stella Tinbergen ist sich der Macht der bewegten Bilder bewusst. Also zieht die Regisseurin in ihren Dokumentarfilm eine zweite Erzählebene ein. Neben die talking heads und die Gedanken des Ehepaars, die verschiedenen Sprecher aus dem Off vortragen, stellt Tinbergen die Tänze. Anhand von Fotografien, Zeichnungen und Niederschriften versuchen Studenten und Profis, Alexander und Clotildes Aufführungen zu rekonstruieren.

Dieser erzählerische Kniff hat zweierlei Funktion. Zum einen setzt er die historischen Figuren mit ihren Epigonen in Beziehung, stellt die Frage, was Alexander und Clotilde Sacharoffs Kunst dem zeitgenössischen Tanz noch zu sagen hat. Zum anderen reicht er dem Publikum die fehlenden bewegten Bilder nach. Beide greifen jedoch zu kurz. "Poeten des Tanzes" bietet den jungen Tänzern und Tänzerinnen keine Gelegenheit, ihre Beziehung zu den Sacharoffs zu reflektieren. Und so gut und adäquat sie Alexander Sacharoffs Choreografien auch nachempfinden mögen, an dessen Präsenz, die sich dem Zuschauer bereits auf den vorhandenen Fotografien und in einer gezeigten Filmaufnahme vermitteln, reichen die jungen Tänzer nicht heran.

Fazit: Dokumentarfilm, der an ein bedeutendes Paar der Tanzgeschichte erinnert. Die Faszination ihres Könnens, von denen so gut wie keine Filmaufnahmen existieren, versucht "Poeten des Tanzes" vermittels anderer Tänzer zu rekonstruieren. Das gelingt allerdings nur im Ansatz.




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