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Kritik: Agnieszka (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Eine Inhaltsangabe zu Tomasz E. Rudziks "Agnieszka" lässt wohl am ehesten ein bitterernstes Drama vermuten und tatsächlich bestärken die ersten Szenen diesen Eindruck noch: Eine dynamische Handkamera heftet sich dicht an die Protagonistin und erkundet an ihrer Seite ein trostloses, in farblosen Bildern eingefangenes Polen. Enge, Armut und Kriminalität prägen diese Aufnahmen, doch rasch kommt es zu einer ersten Irritation in Form eines trocken dargebotenen Witzes: Als die Heldin Agnieszka nämlich aus dem Gefängnis entlassen wird, bloß um sich draußen in einem verschneiten Niemandsland ohne gescheite Busverbindung wiederzufinden, kehrt sie zurück zum Gefängnistor und bittet darum, wieder hinein zu dürfen.

Der lakonische Humor, der sich so nach und nach in den Spielfilm einschleicht, ist dabei nicht der einzige Aspekt, der die Konventionen des Sozialdramas durchkreuzt. Allein schon wie Regisseur und Drehbuchautor Rudzik seine Heldin inszeniert, lässt wenig an nüchternen Realismus denken. Karolina Corczyca als Agnieszka wirkt mit ihrer schweigsamen Coolness sowie dem starken Überlebenswillen beinahe als wäre sie der Fantasie des französischen Filmemachers Luc Besson entsprungen, in eine Opferrolle lässt sich nicht zwingen und wer sich der Frau, die mit den Zähnen Bierflaschen öffnet, doch in den Weg stellt, bekommt ihren Zorn zu spüren.

Auch Agnieszkas Gegenspielerin erweist sich als große Überraschung und Highlight des Films: Hildegard Schmahl spielt die bloß "Madame" genannte Chefin der Escort-Agentur, für die Agnieszka als Domina arbeitet, und erschafft dabei eine faszinierende Schurkin. Unter der gepflegten Damenhaftigkeit der Madame blitzt immer wieder eine gnadenlose Härte auf und sicherlich gehören Schmahl die schönesten Dialogzeilen: "Du bist mein bestes Krokodilchen" lobt sie da etwa mit einer Mischung aus großmütterlicher Zuneigung und eiskaltem Geschäftssinn oder gibt Agnieszka die Weisheit "Eine Mutter muss man sich verdienen" mit auf den Weg.

Als wirklichkeitsnahe Repräsentation von Sexarbeit und Ausbeutung mag "Agnieszka" sicherlich weniger taugen, als bisweilen greller und durch und durch unterhaltsamer Genrefilm hingegen umso mehr. Dass Rudziks Drama nicht immer rund uns stimmig ist, lässt sich verzeihen, denn es gelingt dem Filmemacher so immer wieder, auf grandiose Weise an den Erwartungen vorbeizuerzählen.

Fazit: Tomasz E. Rudziks präsentiert auf den ersten Blick ein ernstes Sozialdrama, das sich jedoch nach und nach als greller Genrefilm entpuppt. Eine Heldin wie aus einem Luc-Besson-Film, trockener Humor und Hildegard Schmahl als faszinierende Schurkin sorgen für eigenwillige Unterhaltung.





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