VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Amok - Hansi geht's gut
Amok - Hansi geht's gut
© Daredo Media GmbH

Kritik: Amok - Hansi geht's gut (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Drama von Regisseur und Drehbuchautor Zoltan Paul kam durch Crowdfunding zustande, ohne Filmfördergelder und Fernsehbeteiligung. Es versteht sich als Metapher auf den seelenlosen Charakter der heutigen Stadt Berlin. Dem minimalistischen Stil entsprechend ist die Hauptperson, der Buchhalter Lorenz Fuchs, äußerst wortkarg. Zwar ergeben sich einige Hinweise darauf, was den Mann psychisch in die Enge treibt, aber vieles muss der Zuschauer selbst interpretieren.

Lorenz fühlt sich in seiner Wohnung nicht wirklich zuhause. Es ist niemand da, mit dem er sprechen könnte, das Mikrowellen-Gericht schmeckt ihm nicht. Im Wohnzimmer liegen lauter Kartons – offenbar Waren, die Lorenz nicht ausgepackt hat. Vielleicht hat er auch einen Wellensittich oder Kanarienvogel, den Hansi aus dem Untertitel: Einmal erscheint ein schon lange verendeter Käfigvogel im Bild, auf einer Dachterrasse wie jener, auf der Lorenz die Pflanzen verdorren lässt. Nein, weder Hansi, noch Lorenz geht es gut, aber letzterer hat das offenbar bis vor kurzem noch geglaubt – im Bestreben, sich mit dem zu arrangieren, was es in seinem Leben noch gab.

Lorenz' Einsamkeit wird am ehesten in dem chinesischen Restaurant deutlich, in dem er seine Beförderung feiern will. Seinen kurzen Tränenausbruch sehen nur die Fische im Aquarium, durch das die Kamera Lorenz ins Visier nimmt. Das Telefongespräch mit seiner Mutter ist herzzerreißend schiefgegangen. Diese Szene ist nicht frei von plakativer Überzeichnung, wie viele andere auch, aber sie berührt aufgrund ihrer emotionalen Fallhöhe. Lorenz wollte für einen kurzen Moment Gesellschaft, menschliche Nähe, Anerkennung – und scheiterte. Ansonsten weiß man oft nicht so genau, was in ihm wirklich vorgeht, die direkten Bezüge zu etwas Konkretem fehlen.

Der von Charly Hübner gespielte Chef hält hingegen mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: Er gefällt sich wortreich in der Rolle des Raubtierkapitalisten, des Zerstörers. Schon während dieses Monologs muss es Lorenz wohl dämmern, dass er als ein Teil dieser Geschäftswelt seine Selbstachtung verliert. Den im Titel angekündigten Verlauf hätte er vielleicht noch stoppen können, wenn er nur der anfänglich von seiner Ex-Frau geäußerten Bitte, mit ihr zu reden, nachgekommen wäre. Zwar sieht der Film Lorenz als Opfer der anonymen, kalten Stadt, aber auch als ein Rädchen im Getriebe. Die düstere Musik mit ihren nachhallenden Tönen verstärkt den Eindruck des Tragischen. Man hätte sich weniger Theatralik und dafür mehr Klarheit gewünscht. Aber es gelingt dem Film dennoch recht gut, das stumme Leid, den Selbstverlust eines überangepassten, einsamen Menschen zu zeigen und damit eine Befindlichkeit auszudrücken, die vermutlich viele Zeitgenossen fürchten.

Fazit: Das bittere Drama über einen Mann, der sich in eine existenzielle Sackgasse manövriert hat, überzeugt auf emotionaler Ebene. Aber es neigt auch zur Theatralik, besonders wenn es die Einsamkeit und soziale Kälte in der Großstadt Berlin anprangert.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.