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Seht mich verschwinden
Seht mich verschwinden
© farbfilm verleih

Kritik: Seht mich verschwinden (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Wer war die Frau, die der Modefotograf Oliviero Toscani 2007 nackt, bis auf die Knochen abgemagert, für eine Kampagne gegen die Anorexie ablichtete? Die schockierende Aufnahme ging um die Welt und machte die junge Französin über Nacht zur Berühmtheit. Drei Jahre später starb Isabelle Caro – sie hatte die Magersucht nie überwunden, der sie so viel Medienpräsenz verdankte. Die amerikanische Filmemacherin Kiki Allgeier rekonstruiert das Leben einer psychisch schwer belasteten Person wie ein Puzzle. Ihr ergreifendes Porträt nähert sich Isabelle Caro mit Sensibilität und Achtung, um ihre innere Not, ihre Sehnsucht, erkannt zu werden, einzufangen und sichtbar zu machen.

Isabelle Caro ist dank ihrer Magersucht zwar oft im Fernsehen, auf Reisen, gehört auch zur Jury des französischen "Next Top Model", aber ihre persönliche Geschichte kommt dabei immer zu kurz. Sie wird als abschreckendes Beispiel herumgereicht und macht dabei gerne mit. Mit ihr als Fotomodell wollte Toscani der "anorektischen Gesellschaft" einen Spiegel vorhalten. Wenige Monate zuvor waren tatsächlich zwei Models an Magersucht gestorben. Aber Isabelle Caro selbst kommt gar nicht aus der Modebranche, sondern ist eine Schauspielschülerin, die versucht, sich von ihrem Elternhaus zu emanzipieren. Dafür hat sie sich einen neuen Vornamen zugelegt und auch eine Gesichtsoperation vorgenommen.

Der Schrecken kommt, vom skelettartigen Körper und Gesicht Isabelles einmal abgesehen, in diesem Film auf leisen Sohlen. Die Aussagen Isabelles und ihres Vaters widersprechen sich eklatant, er sagt, sie habe eine glückliche Kindheit gehabt, sich die Überzeugung, dass ein anderer ihr leiblicher Vater sei, nur ausgedacht. Isabelle erzählt, dass ihre depressive Mutter sie zuhause eingesperrt hielt. Später musste sie auf den Straßen als Musikerin auftreten, weil die Eltern von Erfolg träumten. Die alten privaten Fotos stützen ihre Version, auf ihnen versucht ein tieftrauriges Mädchen tapfer zu lächeln – die Mutter sagte ja ständig, sie lebe nur noch für die Tochter. Man beginnt zu ahnen, dass es für die junge Frau schier unmöglich gewesen sein muss, sich aus all den grotesken Lebenslügen und Vereinnahmungen zu befreien, mit denen sie aufwuchs. Allgeier entwickelt aus den eigenen und fremden Aufnahmen, mit Voice-Over und stimmungsvoll eingestreuten Schwarz-Weiß-Szenen ein Drama von ungeheurer Intensität. Es lässt zumindest posthum Isabelles Wunsch, erkannt zu werden, in Erfüllung gehen.

Fazit: Der ergreifende Dokumentarfilm der Amerikanerin Kiki Allgeier porträtiert die 2010 an Magersucht gestorbene Isabelle Caro, die drei Jahre zuvor für eine Kampagne gegen die in der Modewelt verbreitete Krankheit posiert hatte. Mit langsam ansteigender Spannung und hervorragender Dramaturgie begibt sich der Film auf Spurensuche in einer von Unglück und Nichtbeachtung gezeichneten Biografie, für die er tiefe Anteilnahme weckt.





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