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Kritik: Made in Ash (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Drama der slowakischen Regisseurin Iveta Grófová aus dem Jahr 2012 spielt in Tschechien an der Grenze zu Deutschland. Dorthin kommen viele Sextouristen, denn unzählige junge Frauen bieten sich aus wirtschaftlicher Not an. Ursprünglich wollte die Regisseurin einen Dokumentarfilm drehen über Frauen, die zuerst in der Textilfabrik arbeiten und dann in die Prostitution abgleiten. Aber sie stieß dabei auf viele Hindernisse: Einige schämten sich, über ihre Lebensumstände genauer Auskunft zu geben, andere zogen recht schnell wieder weg, zum Beispiel nach Deutschland. Also entschied sich die Filmemacherin für eine fiktive Geschichte, die aber von dokumentarischen Aufnahmen mit echten Protagonisten flankiert wird. Auch in den beiden weiblichen Hauptrollen treten Amateurschauspielerinnen auf, die sich bis zu einem gewissen Grad selbst darstellen.

Grófová selbst saß nach der Schule eine Weile an der Nähmaschine in der Fabrik von Aš und war schockiert über die Arbeitsbedingungen. Im Film sieht man die Frauen wie im Akkord nähen – das ist nichts für die Schulabsolventin Dorotka, die nach einer feuchtfröhlichen Partynacht bei der Arbeit einschläft. Das Mädchen träumt von Spaß, Glamour, ihrem Freund, der in der Slowakei geblieben ist. Aber wenn sie mit ihrer Freundin Silvia ausgeht, trifft sie meistens auf ältere Männer mit einschlägigen Interessen. Aus diesem Gegensatz zwischen jugendlicher Unschuld und einem Milieu, das attraktive Frauen als Ware betrachtet, bezieht der Film seine Spannung. In Aš kümmert sich keine Institution um die arbeitslos gewordenen, zugereisten Frauen. Silvia stylt sich, um sich einen Mann zu angeln. Das gelingt ihr, aber als sie die Beziehung vertiefen will und den Mann fragt, ob sie nicht sein Typ sei, antwortet er mit brutaler Offenheit: "Für manches bist du gut."

Silvia spielt und experimentiert mit dem Animier-Milieu, schreckt aber vor der professionellen Prostitution zurück. Auch Dorotka hängt der altmodischen Vorstellung des spendablen Kavaliers an, merkt aber, dass ihre Rollenbilder in dieser Wirklichkeit nicht weiterführen. Wenn Johann, der vom Alter her ihr Vater sein könnte, sich ihr nähert, kichert Dorotka wie ein verlegenes Mädchen. Aber gleichzeitig wird sie unheimlich traurig. Die junge Darstellerin Dorotka Billá spielt diese Rolle sehr bewegend und ungekünstelt. Stilistisch ist der Film wagemutig: Gelegentlich werden animierte Zeichnungen eingestreut, es gibt oft unscharfe oder wackelige Aufnahmen und Bildausschnitte, die viel kaschieren, so als wollten die Frauen selbst nicht so genau wissen, was gerade geschieht. Zwischen den guten Ratschlägen, die sie bekamen und der Realität, die sie vorfinden, herrscht ein Unterschied, der einem Betrug gleichkommt.

Fazit: Das Drama über zwei in einem tschechischen Grenzort gestrandete junge Frauen lässt mit einer spannenden Mischung aus Fiktion und Authentizität unschuldige Träume, soziale Not und kalte Illusionslosigkeit aufeinanderprallen.




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