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Yulas Welt
Yulas Welt
© eksystent distribution filmverleih

Kritik: Yulas Welt (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Über einen Zeitraum von 13 Jahren hat die polnische Filmemacherin Hanna Polak die Titelheldin von "Yulas Welt" begleitet. Im Grunde erzählt der Dokumentarfilm über das zu Beginn der Dreharbeiten zehnjährige Mädchen eine Coming-of-Age-Geschichte, die sich in Ansätzen durchaus mit Richard Linklaters Spielfilm "Boyhood" (2014) vergleichen ließe. Aber allein schon die außergewöhnlichen, oft menschenunwürdigen Umstände. unter denen Yula aufwächst, stellen sich mit aller Macht der Dramaturgie eines typischen Heranwachsens in den Weg: Vollkommener Stillstand und Perspektivlosigkeit prägen Polaks Film über weite Strecken, selbst zwischen großen Zeitsprüngen scheint sich nicht viel zu bewegen. "Yulas Welt" porträtiert oft weniger die Prozesse des Erwachsenwerdens als vielmehr das gespenstische Altern der Protagonistin.

Die Nüchternheit, mit der die Regisseurin das Leid und die kleinen Freuden von Yula betrachtet, entzieht sich dabei jeder Rührseligkeit. Statt zu dramatisieren lässt Polak lieber Yula und die anderen Bewohner der Mülldeponie selber berichten und gibt ihnen so die Stimme, die ihnen sonst niemand zugestehen will. Nur unter widrigen Umständen und in enger Zusammenarbeit mit den Deponie-Bewohnern konnte der Filmemacherin dieser anrührende, mitunter schwer zu ertragende Einblick in eine Welt am Rande der Gesellschaft gelingen – eine von Freundschaft geprägte Kooperation, die sich auszahlt. Denn das anfangs in Polaks Off-Kommentar noch anklingende Helfersyndrom wandelt sich bald in eine Begegnung auf Augenhöhe, die Yula und den anderen Obdachlosen die Würde zugesteht, die sie im Gespräch immer wieder mit Bestimmtheit für sich einfordern.

So ist "Yulas Welt" weit mehr als ein mitleidiger Blick auf sozial Geächtete, sondern das engagierte Plädoyer für ein menschliches Miteinander. Hierzu passen auch die Szenen, in denen die Bewohner der Deponie über das Radio Putins Aufstieg zum Präsidenten verfolgen und seinen im Kontrast zu Polaks Bildern zynisch anmutenden Reden über soziale Gerechtigkeit lauschen. Politische Seitenhiebe, das einfühlsame Porträt einer Heranwachsenden sowie der schmerzhafte Blick auf weitverbreitetes Elend verbinden sich so in "Yulas Welt" auf eindringliche, wachrüttelnde Weise.

Fazit: Mit "Yulas Welt" ist der Regisseurin Hanna Polak ein bemerkenswerter Film gelungen, der das einfühlsame, aber niemals rührselige Porträt einer Heranwachsenden mit einem unerschrockenen Blick auf soziales Elend verbindet. Der mitunter nur schwer zu ertragende Einblick in eine Welt am Rande der Gesellschaft rüttelt wach und gibt Menschen eine Stimme, denen diese allzu oft nicht zugestanden wird.




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