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Die Hälfte der Stadt
Die Hälfte der Stadt
© Real Fiction © Leykauf Film

Kritik: Die Hälfte der Stadt (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Frage danach, wie Dokumentarfilme sich sowie ihr Publikum erinnern und von der Vergangenheit erzählen können, wird in "Die Hälfte der Stadt" immer wieder indirekt aufgeworfen. Eine Szene zeigt beispielsweise die Vorbereitungen zu einem Reenactment-Event, bei dem eine Gruppe von Darstellern die Besatzung der polnischen Stadt Kozienice durch die deutsche Wehrmacht inszeniert. Das Reenactment an sich ist eine reine Materialschlacht mit kostümierten Statisten und lauten Knalleffekten, die den Zuschauern wohl eher durch die ausgefeilte Pyrotechnik als durch historische Erkenntnisse in Erinnerung bleiben wird. Als noch absurder und entlarvender als das Schauspiel erweist sich allerdings das Briefing davor, bei dem ein Spielleiter den Teilnehmern den Ablauf erläutert: Geschichtliche Ereignisse werden da zur bloßen Staffage für ein routiniertes, altbekanntes Feuerwerk. Fliegerangriff, Einmarsch der Truppen, Massenpanik – das sind hier nur noch automatisierte Standards, die Jahr für Jahr aufs Neue abgespult werden.

Der kritische Blick auf die Praxis des Reenactments lässt sich zugleich aber auch als Kommentar auf all die Dokumentarfilme lesen, die sich oft kaum von diesen unterreflektierten Laienschauspielen unterscheiden und Geschichte als ewig gleiche Mischung aus dramatisierten Spielszenen, Talking-Head-Interviews und Archivmaterial begreifen. Der Filmemacher Pawel Siczek geht mit "Die Hälfte der Stadt" auf Distanz zu dieser konventionellen Machart und bricht seinen Film mehrfach auf: Neben dem Blick in die Vergangenheit, den die alten Fotografien sowie Zeitzeugen ermöglichen, begleitet der Regisseur zugleich einen jungen Fotografen, der sich die alten Bilder nicht bloß anschaut, sondern sie sich auf seine Weise aneignet und wiederbelebt. Nicht allein das, was die Bilder zeigen, ist somit von Interesse, es sind zugleich auch ästhetische Prozesse und deren Bewusstmachung, die Siczek mit seinem Film dokumentiert.

In den Animationssequenzen, die einen Großteil von "Die Hälfe der Satdt" ausmachen, kommen der künstlerische Eigensinn der Produktion und ihre besondere Perspektive am besten zum Ausdruck. Die Geschichte des Protagonisten Chaim Berams wird hier in zuerst naiv anmutenden, an die Trickfilme Lotte Reinigers erinnernden Animationen nacherzählt. Doch nach und nach offenbart sich die Komplexität dieses Ansatzes, der Illustrationen und Fotografien sowie Vergangenheit und Gegenwart miteinander kurzschließt und Bildwelten entwirft, die gängige Repräsentationsmuster gezielt unterlaufen. Das Ergebnis ist ein zugleich bedachter und intimer Dokumentarfilm, der zum Nachdenken anregt.

Fazit: Pawel Siczek bricht in seinem Dokumentarfilm mit Konventionen und beleuchtet nicht bloß die Vergangenheit, sondern auch deren ästhetische Aufbereitung und Dramatisierung. In den zahlreichen Animationssequenzen beweist "Die Hälfte der Stadt" zudem künstlerischen Eigensinn und schafft komplexe, nachdenklich stimmende Bilderwelten.





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