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Kritik: Francofonia (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Film des russischen Regisseurs Alexander Sokurov ("Faust") ist ein originell visualisiertes Gedankenspiel, das seinen eigenen verschlungenen Wegen folgt, anstatt sich einer konventionellen dramaturgischen Struktur zu unterwerfen. Der Autor führt in einem reichen Off-Kommentar einen Dialog mit den Ereignissen im Bild. Rund um das Schicksal des Louvre während der Zeit der deutschen Besatzung spinnt er seine Assoziationen über den Krieg, die Kunst und die Werte fort, denen die Menschheit anhängt.

Sokurovs Gedanken mäandern frei zwischen den Zeiten und geografischen Räumen. Das Schiff, das mit seiner wertvollen Kunst-Fracht in Seenot gerät, führt den Autor zu der Frage, wie viele der antiken Kunstschätze, die von der Sammelleidenschaft gepackte europäische Herrscher einst aus fernen Ländern herbeischaffen ließen, wohl auf dem Grund der Meere liegen. Er sinniert darüber nach, dass Paris als Stadt der Kunst von Bombardierungen verschont blieb und warum die Nazis so viel zerstörerischer mit der Bevölkerung von Sankt Petersburg – dem damaligen Leningrad - umgingen. Wie wichtig ist die Porträtmalerei für die europäische Kultur, wie viel Geschichte konservieren die Statue der Nike von Samothrake oder die ägyptischen Mumien und ihre Sarkophage, die der Louvre besitzt? Und wenn die Vergangenheit aus den Kunstwerken zu uns spricht, was antworten wir? Der zum Leben erwachte Geist der Marianne, selbst einem Gemälde entsprungen, sagt immer nur "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", während sich Napoleon vor allem selbst wiedererkennt – als Porträtierter oder als Beschaffer. Und dann sitzen beide vor dem Bild der Mona Lisa. Kunst, so scheint es die Meditation Sokurovs nahezulegen, dient den Menschen als Vergewisserung, dass ihre Hoffnungen und Träume die Zeiten, die Kriege, die individuellen Egoismen überdauern werden. Sie bildet eine Brücke zwischen den vergangenen und künftigen Welten, die der Allgemeinheit gehört.

Visuell ist der Film eine eigenwillige Collage aus verschiedenen Bildformaten, gelbstichigen alten Aufnahmen, Stippvisiten im Louvre, Rundblicken über die Dächer der Stadt, Reenactment-Passagen und anderen Spielszenen. Das alles wird mit viel Musik untermalt. Sokurovs filmischer Philosophie-Ausflug fügt geschichtliche Fakten in Zusammenhänge, wie sie beim privaten Nachdenken, beim Diskutieren im kleinen Kreis entstehen. Aber gerade diese Mischung aus historischen Fundstücken und individueller Originalität inspiriert den Zuschauer zu eigenen Betrachtungen.

Fazit: Der russische Filmemacher Alexander Sokurov unternimmt eine eigenwillige Gedankenreise in die Geschichte des Pariser Kunstmuseums Louvre, besonders zum Thema, wie seine Schätze den Zweiten Weltkrieg überdauerten. Die Kombination historischer Fakten mit spielerisch-fantasievollen Überlegungen entwickelt eine spannende Dynamik, die sich in visuellem Ideenreichtum niederschlägt und inspirierend wirkt.





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