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FBW-Bewertung: Democracy - Im Rausch der Daten (2015)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Ausgangspunkt von DEMOCRACY ist eine Minderheit mit ihrerÜberzeugung. Ihr Ziel ist es, aus der Minderheit eine Mehrheit zu machen. Der Weg dahin ist das kräftezehrende, oft auch frustrierende Abenteuer der demokratischen Willensbildung.
Regisseur David Bernet hat diesen Weg zwei Jahre lang begleitet. Sein Film liefert das Beste, was eine Dokumentation bieten kann, nämlich einen Blick in die wirkliche Welt jenseits der Illusion. Mit großem Aufwand, inhaltlicher Tiefe und formaler Umsicht wird belegt: Demokratie ist mehr als hysterische ?Breaking News?, mehr als Social-Media-Kommentare. Und sie ist mehr als die naive Vorstellung von einfachen Abstimmungenmit klaren Mehrheitsverhältnissen. Sie ist ein Prozess, bestehend aus Mut, Ausdauer, Persönlichkeiten - und aus einer Menge Willkür.
Die Macher sind mit ihrem Thema auf Doku-Gold gestoßen. Denn ungeachtet der eher drögen Schauplätze, der kalten Sitzungssäle und zettelwirtschaftlichen Hinterzimmer gerät der Kampf um ein neues europäisches Datenschutzgesetz zu einem Drama Shakespeare?scher Dimension. Es gibt einen Helden mit tragischem Potenzial, namentlich den AbgeordnetenJan Philipp Albrecht; um ihn scharen sich Verbündete, Antipoden, Warner und Verhinderer. Sie alle sind auch die ?Talking Heads? des Films, jeder auf seine Weise hochintelligent und im besten Sinne verstörend. Denn der Regisseur verschweigt nicht, dass es beim Datenschutz mehr als nur eine Wahrheit gibt.
Der Film zeigt Haltung, macht sich aber nicht gemein mit seiner Sache. Und er hat sein Publikum stets im Blick? indem er virtuos alle Register der filmischen Vermittlung zieht. Die in stilsicherem Schwarzweiß gehaltenen Bilder wurden von einem mehrköpfigen Kamerateam gedreht. Offensichtlich war das Material, aus dem der Film montiert wurde, üppig. Es ist teilweise atemberaubend, wie es gelingt, entscheidende Momente der Geschichte einzufangen. Jede Einstellung hat ihren Sinn, manchmal konkret, manchmal spekulativ, etwa wenn Kinder versuchen, einen im See verlorengegangenen Fußball wieder einzufangen ? just, wenn auch dem ?Helden der Geschichte? der Prozess zu entgleiten droht.
Die Jury lobt auch die sorgfältig übersetzten Untertitel. Gleichwohl das permanente Lesen es dem Zuschauer nicht immer leicht macht, den komplizierten Abläufen im Bild zu folgen.



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