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Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen
Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen
© X Verleih © Warner Bros. © Frenetic Films AG

Kritik: Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Regisseurin Baya Kasmi, wie ihre Titelfigur selbst Tochter eines Algeriers und einer Französin, geht in ihrer Komödie lustvoll der Frage nach, wie sich die Kinder von Einwanderern zur Herkunft ihrer Eltern positionieren. Ihre beiden Protagonisten legt sie völlig gegensätzlich an. Während Hanna durch und durch Französin ist, mit Religion nichts am Hut hat und selbstbewusst mit der eigenen Sexualität umgeht, fühlt sich ihr Bruder Hakim als Fremder im eigenen Land, gibt sich tief religiös und dementsprechend verklemmt. Hannas offenherziger Lebensentwurf wirkt wie die Antithese zu Hakims Alltag. Dieses Nebeneinander der gesellschaftlichen Widersprüche rückt die Regisseurin immer wieder wunderbar in eine einzige Einstellung, wenn sich etwa Hakims Frau Kenza (Camélia Jordana) auf der Straße mit einer Prostituierten eine Zigarette teilt. Das leichtbekleidete Straßenmädchen neben der verhüllten Mutter: zwei Frauenbilder im Europa des 21. Jahrhunderts. Hanna steht irgendwo dazwischen.

Migranten auf Sinnsuche ist nicht das einzige Thema, das Kasmis Komödie verhandelt. Es geht auch um Familie, Erziehung, Liebe, Krankheit, Religion und um die (sexuelle) Selbstbestimmung der Frau zwischen Heiliger und Hure – und genau hier offenbart der Film seine größte Schwäche. Alleine Hannas "Nettigkeitsneurose", die zu amourösen Ausrutschern und amüsanten Verwicklungen führt, hätte ausreichend Stoff für zwei Filme geboten. Statt daraus komödiantisches Potenzial zu schlagen, verkommt diese gar seltsame Charaktereigenschaft der Protagonistin jedoch schnell zur Nebensache. Doch in all der Themenfülle verliert Kasmi den Überblick. Auch die anderen Problemfelder scheinen nur als Vorlage für den nächsten Lacher zu dienen. Was dann schließlich als Erklärung für das Verhalten der Geschwister herhalten muss und hier nicht verraten werden soll, will nicht recht zu einer Komödie passen. Schlimmer noch: Die Erklärung ist vollkommen überflüssig, wird fahrlässig behandelt und torpediert zudem Hannas hart erstrittene sexuelle Selbstbestimmung.

Witzig ist "Mademoiselle Hanna & Die Kunst, Nein zu sagen" dennoch. Baya Kasmi gelingt es, die schweren Themen leichtfüßig zu inszenieren, was in erster Linie das Verdienst der Schauspieler, allen voran die großartige Vimala Pons, ist. Am stärksten ist Kasmis Komödie immer dann, wenn die Figuren aus der Rolle fallen, oder besser gesagt: aus dem Rollenbild, das die Gesellschaft von ihnen hat; wenn sich also Eltern nicht wie Eltern und Kinder sich nicht wie Kinder verhalten. Dann begrüßt etwa die kleine Hanna ihren Bruder während dessen Geburt vor den gespreizten Beinen der Mutter winkend im Kreißsaal, dann kauft Hannas Großmutter in einer düsteren Unterführung Drogen bei ihrem Enkel oder Hannas Eltern reagieren völlig entspannt auf die nackten Männer in Hannas Küche. Überhaupt kann das Publikum bei Kasmi vor allem über Sex herzhaft lachen. Weil ihn ihre Figuren so nehmen, wie er ist: als das Normalste der Welt.

Fazit: Beschwingte Komödie über zwei Geschwister auf Sinnsuche, die ihre Charaktere in skurrile Alltagssituationen bringt. Während einzelne Episoden überzeugen, gelingt es Regisseurin Baya Kasmi angesichts der Themenfülle aber nicht, ihre Geschichte ausgewogen und schlüssig zu erzählen.




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