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Der Kuaför aus der Keupstrasse
Der Kuaför aus der Keupstrasse
© Real Fiction

Kritik: Der Kuaför aus der Keupstraße (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Bis zu diesem Zeitpunkt vergehen sieben Jahre. Denn zunächst gelten die Yildirims selber als Verdächtige und Drahtzieher. Sie werden beschuldigt, durch das Attentat Versicherungsbetrug an ihrem eigenen Laden versucht zu haben. Später dann behauptet die Polizei, hinter dem Anschlag stehe organisierte Kriminalität oder ein Familienstreit. Eine terroristische oder rassistisch-fremdenfeindliche Motivation wird jahrelang ausgeschlossen, die Ermittler beharrren auf ihren Ursprungsverdächtigungen. Auch auf diesen Umstand - die fehlende Weitsicht und die Voreingenommenheit der Beamten - geht die eindringliche, mitreißende Dokumentation "Der Kuaför aus der Keupstraße" ausgiebig ein. Regisseur Andreas Maus kehrt zehn Jahre nach dem brutalen Angriff zurück in die Keupstraße und spricht mit den Opfern.

In den ersten Minuten zeigt Maus in langen Einstellungen einige der Geschäftsleute der Keupstraße in ihren Läden. Sie sehen friedlich und bestimmt aus, aber in ihnen ist der Schrecken und sind die Gedanken an das Verbrechen vom Sommer 2004 noch nicht gewichen. Alle der gezeigten Personen haben den Anschlag entweder am eigenen Leib erfahren, ihn gesehen oder zumindest gehört. Die Bombe war willkürlich vor dem Friseurladen platziert worden, auch jedes andere Geschäft hätte Opfer der Bombe werden können.

In ausführlichen Gesprächen, lässt Regisseur Maus die Betroffenen vom 09. Juni berichten. Dazwischen blendet er immer wieder Original-Aufnahmen vom Anschlagstag ein, die z.B. zeigen, wie die Opfer blutüberströmt vom Rettungsdienst abtransportiert werden. Es sind verstörende und brutale Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Auch, weil sie sich mitten in Deutschland abspielen, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.

In erster Linie kann man "Der Kuaför aus der Keupstraße" aber als kritische Reflexion und Bewertung der schlampigen und von Vorurteilen gegenüber den Anwohnern und den Inhabern geprägten Ermittlungen verstehen. Aufwendig und detailliert rekonstruiert der Film die Arbeit der Polizei anhand der Verhörprotokolle. Dabei greift Maus auch auf die Möglichkeit der szenischen und darstellerischen Umsetzung der Protokolle zurück, in dem er Schauspieler etwa die Verhöre durch die Beamten akribisch genau nachstellen lässt. Ein sieben Jahre währender, turbulenter und konfuser Ermittlungsirrsinn wird losgetreten. Die ganze Absurdität wird allein schon an der Frage deutlich, die die Beamten Inhaber Özcan Yildirim als erstes stellen, nachdem sie am Anschlagsort eintrafen. Es ist eine Frage, die an Ressentiments und Befangenheit gegenüber ausländischen Mitbürgern kaum zu überbieten ist.

Fazit: Die sehenswerte, da kritische und die Ereignisse umfassend beleuchtende Doku "Der Kuaför aus der Keupstraße" legt ihren Schwerpunkt auf die Darlegung der Ermittlungsarbeiten im Anschluss des Nagelbombenschlags in Köln von 2004. Diese gestalteten sich als schlampig und einseitig. Sie zeigen auch heute noch die kaum fassbare Voreingenommenheit sowie die Vorurteile der Ermittler auf.





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