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Wer hat Angst vor Sibylle Berg
Wer hat Angst vor Sibylle Berg
© Zorro Film

Kritik: Wer hat Angst vor Sibylle Berg (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Hasspredigerin der Singlegesellschaft", "Designerin des Schreckens", "die erbarmungsloseste deutsche Schriftstellerin" oder "Fachfrau fürs Zynische" sind nur einige der Beinamen, die Sibylle Berg im Laufe ihrer Karriere schon verliehen wurden. Wer würde sich vor so einer also nicht fürchten? Berg selber, die gleich zu Beginn des Dokumentarfilms mit diesen nur bedingt schmeichelhaften Titeln konfrontiert wird, kann darüber nur lachen – und ebenso wird es wohl dem Publikum ergehen, welches die Frau in Schwarz in "Wer hat Angst vor Sibylle Berg?" vor allem als Komikerin erleben darf.

Wer Bergs Romane aufmerksam gelesen hat, sollte ihren Humor eigentlich schon zu schätzen wissen, selbst wenn dieser mitunter so tiefschwarz ist, dass er doch zu übersehen ist. Auch wer sich ab und zu ins popkulturelle Nischenprogramm oder die bildungsbürgerliche Spätschicht des TV-Programms verirrt, dürfte mit Frau Bergs Eigenarten, die weit über Hass und Schrecken hinausreichen, vertraut sind: Bei Harald Schmidt, Denis Scheck oder Jan Böhmermann war die Schriftstellerin bereits als unkonventionelle, aber stets unterhaltsame Gesprächspartnerin zu Gast. Zusätzlich teilt Berg ihre pointiert formulierten Gedanken noch über Twitter und eine Spiegel-Kolumne mit der Welt.

Im Dokumentarfilm von Wiltrud Baier und Sigrun Köhler gibt es nun für alle, die Gefallen an Bergs zwischen Scheu und vermeintlicher Schamlosigkeit changierenden Auftritten haben, mehr zu sehen. Um das literarische Werk geht es dabei nur am Rande, stattdessen versuchen sich die beiden Regisseurinnen an einem Porträt, dessen Scheitern Teil des Konzeptes ist: Denn über ihre Vergangenheit erzählt die Protagonistin nur widerwillig und überhaupt stellt sie sich der üblichen, am Melodram geschulten Inszenierung von Lebens- und Leidenswegen entschlossen in den Weg.

Baier und Köhler begreifen Bergs Trotzen dabei glücklicherweise nicht als Widerstand, den es zu brechen gilt, sondern vielmehr als eine Einladung zum Spiel: Mal liefern sie Impulse, um der Schriftstellerin etwas zu entlocken, dann wiederum lassen sie sich vollkommen auf deren Rhythmus ein. Das Ergebnis ist ein Dokumentarfilm, der auf ebenso clevere und ironische Weise wie seine Titelheldin stereotype Vorstellungen von Authentizität und Selbstinszenierung hinterfragt. Da macht es nur Sinn, dass Berg die Filmemacherinnen vertrauensvoll als "Doku-Schlampen" bezeichnet und "Wer hat Angst vor Sibylle Berg?" für eine Szene sogar zum Tierfilm samt Robbenbaby wird.

Fazit: Wiltrud Baiers und Sigrun Köhlers Dokumentarfilm ist weniger ein klassisches Porträt als vielmehr ein ironisches Spiel mit Sibylle Bergs Biografie. Auf ebenso clevere wie komische Weise werden dabei Klischees über Authentizität sowie Selbstinszenierungen dekonstruiert.





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