VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Einer von uns
Einer von uns
© barnsteiner-film

Kritik: Einer von uns (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Spielfilmdebüt des Medienkünstlers Stephan Richter basiert auf einem wahren Fall, der 2009 in Österreich für Empörung sorgte. Der 14-jährige Einbrecher Florian P. war damals in einem Supermarkt von einem Polizisten in den Rücken geschossen worden, mit tödlicher Folge. Das Drama imaginiert auf der Suche nach Erklärungen das Lebensgefühl dreier Jugendlicher in diesem gesichtslosen, provinziellen Vorstadtgebiet in den Tagen vor der Tragödie. Es entwirft in kühlen, die Macht der Architektur und der Verhältnisse spiegelnden Aufnahmen das Porträt einer gespaltenen Gesellschaft, die weder eine Mitte, noch eine Perspektive besitzt. Beim Festival Max Ophüls Preis 2016 wurde "Einer von uns" als Bester Spielfilm ausgezeichnet.

Es ist Sommer, und die Teenager treffen sich draußen. Julian und Marko zieht es wie die anderen in die Peripherie des Supermarktes. Sie chillen im Brachland hinter den Zufahrtswegen, hocken auf Mauersimsen, schlendern zu später Stunde über den riesigen, leeren Parkplatz. Den Polizisten, die hier Streife fahren und im Supermarkt einkaufen, sind sie ein Dorn im Auge, dem Supermarktleiter auch. Wer sich nicht sinnvoll beschäftigt, macht sich verdächtig, asozial zu sein, in die Kriminalität abzurutschen. Das verblüffend reaktionäre Establishment sorgt dafür, dass sich die sprachlose Kluft zwischen den Generationen verfestigt. Der Supermarkt ist zwar als ein Treffpunkt konzipiert worden, aber als einer, in dem man möglichst ungestört einer einzigen Beschäftigung nachgehen soll: dem Einkauf. Der Filialleiter Winkler sorgt darin hingebungsvoll für Ordnung und Sauberkeit. Im Grunde soll er die Funktionstüchtigkeit der Gesellschaft in dieser trostlosen Gegend repräsentieren, und darum muss er sich in seinem Büro häufig den Blutdruck messen.

Der Supermarkt und seine Peripherie wirken aber mehr oder weniger verwaist, wie ein architektonischer Irrtum. Menschen sind hier potenzielle Fremdkörper, Randexistenzen, und zwar ziemlich unabhängig davon, ob sie Kaufkraft besitzen oder nicht. Die Kamera fährt genüsslich die Regalmeter entlang, in denen sich Fruchtsäfte, Teebeutel, Kosmetikartikel in grotesker Anzahl aneinanderreihen. Hier blickt der Zuschauer in ein Museum der Konsumgesellschaft, deren Verheißungen sich als missverständlich und hohl erweisen. Das schwelende Unbehagen sucht ein Ventil. In dieser stilistisch beeindruckenden Gesellschaftskritik steckt viel Realität. Aber auch eine Künstlichkeit, die der zugespitzten Reduktion geschuldet ist.

Fazit: In einer österreichischen Provinzvorstadt versagt der örtliche Supermarkt als zentraler Treffpunkt einer Gesellschaft, in der sich zwischen Erwachsenen und Jugendlichen eine latent feindselige Kluft bildet. Das stilistisch beeindruckende und atmosphärisch dichte Spielfilmdebüt des Regisseurs Stephan Richter setzt sich kritisch mit einem realen Todesfall auseinander, bei dem ein 14-Jähriger durch eine Polizeikugel starb.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.