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Kritik: Nirgendwo (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

"Nirgendwo" möchte ein Film über das Lebensgefühl einer ganzen Generation sein. Der Regisseur und Drehbuchautor Matthias Starte, Jahrgang 1984, gehört ihr selbst an und stellt deren Kernproblem der eigentlichen Handlung in einem Voice-over voran. Was mit dem eigenen, im Grunde viel zu kurzen Leben anfangen?, fragt sich Susu (Saskia Rosendahl) gemeinsam mit ihrem Freund Danny (Ludwig Trepte). Dann springt das Drama zwei Jahre in die Zukunft und zeigt seinen Protagonisten unzufrieden und orientierungslos beim Studium.

Die Probleme dieser Mittzwanziger – egal ob man sie als Digital Natives, als Millenials oder als Generation Y bezeichnen möchte – verteilt Starte auf mehrere Schultern. Im Kern sind es dieselben. Bei allen Protagonisten klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen dem, was das Herz will, und dem, was das Hirn sagt. Topausgebildet und mit allen Freiheiten ausgestattet, sind sie von den Wahlmöglichkeiten überfordert. Jeder hat Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Werden sie nur draußen in der weiten Welt glücklich oder sind sie es bereits in ihrer provinziellen Idylle mitten im Nirgendwo?

In seinem Spielfilmdebüt macht Matthias Starte einiges richtig, aber zu vieles falsch. Das fängt bereits bei der Exposition an, die die Zuschauer mehr verwirrt als sie geschickt ans Geschehen heranzuführen. Selbst wer hier voll konzentriert ist, hat Schwierigkeiten, Susu und Kirsten (Amelie Kiefer) in den ersten Minuten auseinander zu halten. Danach ist lange nicht klar, dass Kirsten nicht Dannys Schwester, sondern nur dessen beste Freundin ist, die jahrelang mit ihm unter einem Dach gewohnt hat. Diese inhaltliche Stolperfalle ist völlig überflüssig und hätte sich mühelos vermeiden lassen.

Auch später halten sich die Stärken und Schwächen des Drehbuchs die Waage. Schön ist etwa der Einfall, die Geschichte komplett ohne die ältere Generation zu erzählen. Die Eltern der Protagonisten sind in "Nirgendwo" auffällig abwesend. Auch mit Andeutungen weiß Starte umzugehen. Versiert setzt er Vorboten kommender Schicksalsschläge ins Bild, ohne zu viel vorwegzunehmen. Die Unentschlossenheit einer Generation auf mehrere Schultern zu verteilen, liest sich hingegen nur auf dem Papier clever. Bis zum Schluss bleiben die Figuren zu schablonenhaft. Es fehlt ihnen schlicht an Tiefe und vor allem an Antrieb. Bis Danny endlich in die Gänge kommt, ist der Film vorbei. Wiederholt möchte man ihm zurufen, doch endlich zu handeln und nicht bloß darüber zu reden.

Genau hier liegt auch die größte Schwäche dieses Dramas. Die Gespräche zwischen den Protagonisten, deren Darsteller über weite Strecken überzeugen, bleiben zu nah an der Alltagssprache. Ohne die nötige Zuspitzung und Pointierung langweilen die Dialoge zutiefst. Immerhin ist "Nirgendwo" schön anzusehen. Doch auch die fein durchkomponierten Bilder haben eine Kehrseite. Zwar spiegeln deren Farben gekonnt die Emotionen der Figuren, die Einstellungen erinnern aber auch eklatant an Werbespots und Musikvideos. Wo ein tiefgründiges Gespräch vonnöten wäre, hört das Publikum dann einen Popsong, zu dem junge Menschen in Zeitlupe schöne Dinge tun, wie etwa den nächtlichen Strand mit Fackeln in der Hand zu erhellen. Diese Videoclipästhetik gaukelt letztlich aber nur vor, das Gefühl einer Generation zu transportieren.

Fazit: "Nirgendwo" will das Lebensgefühl einer ganzen Generation einfangen, bleibt in seiner Vermittlung aber zu formelhaft. Bei allen durchaus vorhandenen Qualitäten langweilt Matthias Startes Spielfilmdebüt über weite Strecken und kommt nie über die emotionale Tiefe eines Musikvideos hinaus.




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